Timo Müller, der jüngste Idsteiner Stadtverordnete, ist auch einer der aktivsten und ambitioniertesten. Und einer, der mit seiner leisen Art immer wieder ohne Scheu aufzeigt, wo politisch etwas im Argen liegt; ohne Angst vor dem Wind, der ihm dabei dann oft ins Gesicht bläst.

Auch bei der Ortsbeiratssitzung am 23. Mai 2017 hat Müller dahingehend wieder einen bemerkenswerten und womöglich politisch wie verwaltungsrechtlich sehr relevanten Vorstoß gemacht:

Müller wies den Ortsbeirat öffentlich auf die äußerst brisante Tatsache hin, daß eine europaweit streng geschützten Reptilienart, die Schlingnatter (Coronella austriaca), auf dem Areal des Grundstücks Marktplatz 6 / Escher Straße 8 – 10 gefunden und neutral und verläßlich dokumentiert wurde, wie Müller von der ULI erfahren hatte.

Timo Müller (links) zeigte beim Demonstrativen Spaziergang des Aktionsbündnisses „Idstein wahrt sein Gesicht“ bereits Flagge (bzw. Banner), um zu verdeutlichen wie wichtig es ist, die Altstadtsilhouette Idsteins zu bewahren (copyright: Idsteiner Zeitung, 8. Mai 2017)

Die ULI war einem entsprechenden Hinweis aus der Idsteiner Altstadtbevölkerung in detaillierten Recherchen nachgegangen, um schließlich entsprechende belastbare Informationen zu den Funden der unter besonderem EU-Naturschutz stehenden Natter den drei StVV-Fraktionen des Aktionsbündnisses „Idstein wahrt sein Gesicht“ (Bündnis 90/Grüne, FDP und FWG) zur Verfügung zu stellen.

Blick von der Treppe des Hexenturmes, über den Rosengarten und die Schloßgasse hinweg, auf die Grünkulisse des Grundstücks „Marktplatz 6 / Escher Str. 8 – 10“ (mit Pfeil gekennzeichnet: rote Klötze, die der Grundstückseigentümer kurzzeitig hatte stellen lassen, um den von ihm gewünschten Flachdach-Zweispänner in Höhe und Breite anzuzeiugen)
Bis auf einzelne womöglich erhaltbare Bäume würde der gesamte gewachsene Grünbestand dem Bauvorhaben zum Opfer fallen – mit allen nachteiligen Auswirkungen, die ein solches massives und die Oberfläche versiegelndes Bauvorhaben auf die Stadtbelüftung/Frischluftzufuhr und die Abführung des Oberflächenwassers von dem Hanggrundstück in die Altstadt hätte.

ULI: Herr Müller, wie bewerten Sie und Ihre Fraktion Bündnis 90/Die Grünen die dokumentierten Funde der streng geschützten Schlingnatter hinsichtlich ihrer Bedeutung und der politischen Debatte bei der anstehenden Entscheidung zur Bebauungsplanänderung auf dem fraglichen Gelände?

Timo Müller: Das Gelände, über das hier diskutiert wird, hat sich im Laufe der Jahre zu einem echten Kleinod, einem naturbelassenen Biotop am Rande der Altstadt entwickelt. Wer sich nur fünf Minuten Zeit nimmt, um sich über die Schlingnatter zu informieren, findet schnell eine Beschreibung ihrer Lieblingslebensräume, die exakt auf dieses kleine, aber feine Idsteiner Biotop passt: trockene und warme Felshänge, viele Unterschlupf- und Versteckmöglichkeiten, lockerer Busch- und Baumbewuchs, Trockenmauern und Holzhaufen…

Insofern ist es nicht erstaunlich, dass hier über etliche Jahre hinweg immer wieder Vorkommen von Schlingnattern dokumentiert werden konnten.

Erstaunlich ist eher, dass weder das mit dem Umweltbericht beauftragte Fachbüro noch die (als Träger öffentlicher Belange) befragte Untere Naturschutzbehörde von sich aus auf die in verschiedenen Datenbanken dokumentierten Funde hingewiesen haben.

Es sollte doch eigentlich nicht Aufgabe engagierter Privatleute sein müssen, den (hier ohnehin eher dünn und dürftig ausgefallenen) Umweltbericht zu ergänzen; noch dazu, wenn es sich um eine derart streng geschützte Art handelt: Die Schlingnatter steht nicht nur in Deutschland auf der Roten Liste, sondern sie ist auch durch das Bundesnaturschutzgesetz sowie nach europäischem Recht (Anhang IV der FFH-Richtlinie) strengstens geschützt.

Die in Anhang IV der FFH-Richtlinie geführten Arten genießen auch außerhalb speziell ausgewiesener Gebiete besonderen Schutz.

D.h. jede „Beschädigung oder Vernichtung“ ihrer Lebensstätten, egal wo sie sich befinden, ist ausdrücklich verboten!

Ja, uns liegt der Datensatz zur Schlingnatter in Idstein im Programm natis (landesweites Erfassungsprogramm für Artdaten, verwaltet vom Hessischen Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie) vor.

Erfasst […] am „nordöstlichen Ortsrand von Idstein, Escherstraße [sic] 6, in einem Garten mit Trockenmauer“ (Gauss-Krüger-Koordinaten 3448015/5565413).

[Weitere] Artvorkommen im Umfeld von Idstein liegen uns […] ebenfalls als natis-Datensätze […] vor.

Man kann […] in jedem Fall davon ausgehen, dass die Art in der Region vorkommt.

Arbeitsgemeinschaft Amphibien- und Reptilienschutz in Hessen e.V. (AGAR)

Das Vorkommen der Schlingnatter auf dem fraglichen Areal ist über Jahre hinweg mehrfach und gesichert bestätigt. Da es sich hierbei um ein äußerst standorttreues Tier handelt und bei vorherigen Funden unter anderem auch Jungtiere angetroffen wurden, muss bis auf Weiteres davon ausgegangen werden, dass dieses über Jahre fast unveränderte Biotop auch heute noch Schlingnattern eine Heimat bietet.

Daher muss das laufende Bebauungsplanverfahren an dieser Stelle zwingend erst einmal unterbrochen werden, bis die Frage nach dem Vorkommen der Schlingnatter (und möglicherweise noch weiterer geschützter Arten, etwa der Zauneidechse, mit der sie sich oft einen Lebensraum teilt) wissenschaftlich und zweifelsfrei geklärt ist.

Timo Müller (geboren 1991, seit 1996 wohnhaft in Idstein) studiert in Mainz Latein, Politikwissenschaft und Geschichte auf Gymnasiallehramt und unterrichtet parallel einige Wochenstunden Latein an einer Wiesbadener Schule.

Politisch engagiert Müller sich seit Ende 2010 bei den Idsteiner Grünen, ist seit 2011 Stadtverordneter, seit 2016 stellvertretender Fraktionsvorsitzender und seit dem gleichen Jahr zudem Mitglied des Ortsbeirates Idstein-Kern.

Bei der Bundestagswahl 2017 tritt Müller als Direktkandidat von Bündnis 90/Die Grünen für den Wahlkreis 178 (Rheingau-Taunus-Limburg) an.

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