In der letzten Stadtverordentenversammlung (StVV) vor der Sommerpause kam es zu einem ebenso seltenen wie – vordergründig – erfreulichen Abstimmungsergebnis: Einstimmig, ohne eine einzige Enthaltung, wurde beschlossen, daß für das Gebiet des Taubenbergs ein Bebauungsplan (B-Plan) erstellt werden solle. So einmütig sah man die StVV seltenst – alle Stadtverordnete einer Meinung!

Aber, halt, wirklich alle einer Meinung?
Oder nur vordergründig?

Nun, die Debatte war nicht nur polemisch, wie die Idsteiner Zeitung in ihren Eröffnungszeilen beurteilte. Sie war auch taktisch höchst raffiniert – und damit erfolgreich – von CDU und SPD geführt worden. Hierfür zumindest gebührt den beiden großen Parteien in der StVV der Respekt der ULI. Auch wenn wir gleichzeitig darüber erstaunt sind, wie sich v.a. FDP und FWG von dieser Taktik einwickeln ließen; offenbar ohne zu merken, welchem Vorhaben sie da eigentlich zugestimmt haben.

Nur eine Stunde vor Beginn der StVV am 29. Juni 2017 war Peter Piaskowski (rechts) noch beim Spatenstich „Generationenpark Wörsbachaue“ dabei – um im Anschluß selbst einen Grundstein zu legen: Denjenigen für die weit(er)gehende Versiegelung der verbliebenen Grünflächen am Taubenberg, sollte der B-Plan so kommen, wie bereits unterschwellig von CDU und SPD angedroht.

Denn wer genau hinhörte – oder auch nur den Artikel der IZ in den hier gelb unterlegten Passagen – genau las, merkte: Holla, da will doch die CDU mit ihrem Änderungsantrag ganz etwas anderes als das, was die FDP (und die Anwohner der sog. Taubenberg-Initiative) eigentlich heute anstrebt: Wenn die letztgenannten von „angepaßter Bebauung“ reden, dann wollen sie Gebäude mit erdrückender Wirkung und wuchtiger Kubatur verhindern, wie sie jetzt in der Bauvoranfrage der Unteren Bauaufsicht beim Rheingau-Taunus-Kreis vorgelegten wurden: Mit vier oder gar fünf von der Straße zu sehenden Geschossen.

 

Handskizze dessen, was als Bauvoranfrage für das Grundstück Taubenberg 12 eingereicht wurde.
Für größere Darstellung der von der Straße aus sichtbaren 5 Geschosse sowie der wuchtigen Abmessungen von alleine 23m Fassenfront: Hier klicken.

Was die CDU mit ihrem Änderungsantrag tatsächlich anstrebt, erscheint klar und wurde auch von der SPD durch Hans-Egon Baasch mit dräuendem Unterton benannt:
Wer meint, ein B-Plan verhindere derartige viel zu mächtige Gebäude, der wird gegebenenfalls ein ganz böses Erwachen haben. Denn wenn es nach dem geht, was CDU und SPD stützen und bei den bestehenden Mehrheiten absehbarerweise befürworten und durchfechten werden, dann läßt der zu erwartende B-Plan exakt derartige überdimensionierte Gebäude zu.
Und zwar nicht nur für das Grundstück Nr. 12, sondern für den gesamten Taubenberg, der dann in immer drangvollerer Enge neu erstehen wird.

Denn:
Ein derartiger B-Plan für den gesamten Taubenberg ermöglichte es jedem Käufer von Altbebauung, Bestandsgebäude abzureißen und nach den zukünftig gültigen Möglichkeiten der „Nachverdichtungs“bebauung neu zu errichten:

Vielgeschossig, mit Flachdach und Tiefgarage, für viele Parteien und damit erhöhtes Verkehrsaufkommen sorgend.

Und jeder, dem es dann einfällt, sein altes Gebäude um ein oder zwei Stockwerke zu erhöhen und breit-fassadig anzupassen, kann dies dann bei entsprechenden B-Planvorgaben ebenfalls.

Die ULI fragt sich weiter, wie die CDU ihren pfiffigen Vorstoß, auf diese Weise die immer wieder so schön geredete „Nachverdichtung“ im Innenraum rücksichtslos voranzutreiben, mit dem in Einklang bringen will, was ihr eigenes Magistratsmitglied Dieter Schnell noch im Oktober 2016 richtiger- und nachdenklicherweise in der IZ vorgebracht hat (leider allerdings ohne irgendwelche Problemlösungsansätze):
Daß eben jene Nachverdichtung ein Problem des sozialen Friedens, der psychologischen Belastung des einzelnen Bürgers und damit der zukünftigen Lebensqualität der Bürgerinnen und Bürger darstellt.

Das Heute und Morgen gilt es für die Menschen mitzugestalten […]. Wenn wir der Stadt verpflichtet sind, dann sind wir den Bürgern, die hier leben, verpflichtet, um die es letztendlich geht.

Die Anonymität ist in großen Städten nicht nur ein psychisches, sondern auch ein soziales Problem!Noch kennt man sich in Idstein, in diesem immer noch überschaubaren Mittelzentrum. Idstein ist keine Schlafstadt; die Belege hierfür müssen nicht aufgezählt werden.

Es ist und bleibt auch in Zukunft eine enorme Aufgabe, diese Qualität nach innen zu erhalten und auszubauen. Dies ist kein Wunschdenken.

Dieter Schnell

CDU, Stadtrat

Wenn also wirklich ein Gespenst in Idstein umgehen sollte, dann gruselt sich da wohl jemand davor, daß die Bevölkerung aufgewacht ist und sich nicht mehr alles klaglos gefallen läßt – z.B. in Form der Taubenberg-Initiative, an der übrigens auch direkt oder indirekt betroffene Stadtverordnete (Hölzel, SPD und Zarda, CDU) beteiligt sind.

Was uns alle gruseln sollte, ist die Schamlosigkeit der politischen Argumentation: Hat die CDU ihren Änderungsantrag für eine B-Plan-Aufstellung Taubenberg doch damit begründet, daß ein solches Procedere für ein einzelnes oder einige wenige Grundstücke viel zu aufwändig sei. Da fragt man sich im Hinblick auf das Grundstück Marktplatz 6/Escher Straße 8 – 10 schon, warum es da nicht ein einziges Hohnlachen bei FDP, FWG und Grünen gegeben hat, die zusammen mit der ULI gegen die dortige Änderungsplanung kämpft, die CDU und SPD willfährig durchsetzen wollen, um Investor Dietmar Bücher seine beiden Wunschbauten zu ermöglichen.

Uns alle sollte es auch bei dem Gedanken daran gruseln, daß die aktuelle Mehrheit aus CDU und SPD noch immer nicht begriffen hat, daß Stadtplanung und -entwicklung sich nicht darin erschöpfen darf, mehr und höhere Gebäude auf dem nun mal endlichen Raum innerhalb der Stadtgrenzen zu erlauben. Es bedeutet auch – wie CDU-Stadtrat Schnell sinniert – die Schaffung von Infrastruktur, den Erhalt von Lebensqualität und die Verhinderung von sozialen Problemen.

Daher gilt es innezuhalten,

um der Stadtgesellschaft aus Alt- und Neu-Idsteinern ein Zusammenwachsen zu ermöglichen

und

um nachzudenken, Szenarien zu entwerfen, Konsequenzen durchzuspielen, Interdependenzen zu analysieren und alles, was zu einer langfristig tragfähigen Konzeptionierung sonst noch gehört.

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