Nach dem ersten Teil, fahren wir fort mit der nächsten Gesprächsrunde mit Martina Hartmann-Menz.

ULI: Was ist in Idstein zu tun?

Hartmann-Menz: Sinnvoller Weise sollte der Volksbund Kriegsgräberfürsorge der für solche Fragen zuständig ist und die notwendige, langjährige Expertise vorweisen kann, eine weiträumige Ortung des Gräberfeldes übernehmen. Diesen Vorschlag habe ich dem Gremium bereits nach der 1. Sitzung der Kommission im November 2016 unterbreitet und hoffe sehr, dass dieser Vorschlag Zustimmung findet. Es geht um nichts Geringeres als um späte Gerechtigkeit für diejenigen Opfer des NS-Terrors, die lange vergessen und verdrängt waren. In der real existierenden Gedenkhierarchie der Bundesrepublik Deutschland kommt es erst allmählich zu einem Bewusstseinswandel – dies, obwohl die Opfer der sog. „Euthanasie“ mit dem Jahr 1951 per Bundesgesetz auf eine Stufe mit allen anderen Verfolgten oder Opfern des Krieges gestellt wurden. Wie unterschiedlich die Umsetzung in Idstein erfolgt ist, liegt beim Blick auf den Kriegsgräberfriedhof offen zutage.

ULI: Haben Sie Ideen, wie das ehemalige Krankenhaus und die Leichenhalle in ein Konzept des Erinnerns und Gedenkens eingebunden werden könnten?

Hartmann-Menz: Die Verantwortlichen müssten sich auf die Suche nach einem Bildungsträger, einer Stiftung oder einer Institution machen, die im ehemaligen Kalmenhof-Krankenhaus Erinnern ermöglicht und hieraus gesellschaftliche Impulse für eine zukunftsgewandte Arbeit schöpft. Ein Abriss oder eine Nutzung in einem Kontext, der die Historie der Gebäudes außer Acht lässt, hielte ich für ein vollkommen falsches Signal – zumal in der gegenwärtigen politischen Lage. Populisten und Vertreter der äußersten Rechten agitieren offensiv gegen die Gedenkkultur der Bundesrepublik Deutschland. Begrifflichkeiten oder Denkweisen, die in unmittelbarem Bezug zur NS-Zeit stehen, sollen wieder hoffähig gemacht werden. Als Reaktion hierauf gibt es einen starken Zuspruch bei Gedenkveranstaltungen und kulturellen Veranstaltungen mit der Zielrichtung der Aufarbeitung der NS-Zeit. Sollte der Rechtsnachfolger einer Institution, die zehntausendfachen Massenmord geplant, durchgeführt und erst spät aufgearbeitet hat, in dieser hochbrisanten gesellschaftlichen Lage einen Tatort verschwinden lassen?

Martina Hartmann-Menz M.A.

Studium der Geschichte, Germanistik und Anglistik in Frankfurt/Main
Abschluss in englischer Wissenschaftsgeschichte
Lehrerin an der Fürst-Johann-Ludwig und der Glasfachschule Hadamar

Berufenes Mitglied der Historischen Kommission für Nassau
Mitarbeiterin der Gedenkstätte Hadamar (2004-2011)
Interkulturelle Arbeit in diversen Gremien
Forschungen zur Regionalgeschichte mit den Schwerpunkten  Holocaust, Patientenmord, jüdische Geschichte
Biografische Recherchen zu Frankfurter Opfern des Holocaust mit Schwerpunktsetzung auf sog. „Asoziale“
Wissenschaftliche Beteiligung (2012) bei der posthumen Aberkennung des Ehrenbürgerrechts für den NS-Täter und ehem. Landrat im Landkreis Limburg, Heinz Wolf
Erstellung des Gutachtens (2014) zur Biografie und ideologischen Verankerung des NS-Pädagogen Franz Kade als Diskussionsgrundlage der im Jahr 2015 erfolgten Umbenennung der ehemaligen Franz-Kade-Schule in Idstein Wörsdorf
Mitglied in der von Vitos Eichberg (2016) einberufenen Kalmenhof-Kommission
Mitarbeit in den Stolpersteine-Initiativen Frankfurt, Kassel, Stuttgart, Hadamar und Bad Camberg
Forschungsprojekte: Opfer des Patientenmordes im erweiterten Landkreis Limburg Weilburg; Elz in der NS-Zeit mit Erstellung der Biografien für die Verlegung von Stolpersteinen im Auftrag der Gemeinde Elz.

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