Konzeptionell neu denken – Campus-Erweiterung als Chance zur doppelten Innenentwicklung

Im dieswöchigen Bau- und Planungsausschuß (BPA) stellte Sascha Kappes, Geschäftsführer der Hochschule Fresenius, seine Vorstellungen und Grobplanungen zur Campuserweiterung hier in Idstein vor.

Wenig erstaunlich, daß das vorgeschlagene Parkhaus mit drei Geschossen und vier Parkebenen nicht auf spontane Gegenliebe bei den Mitgliedern des BPAs stieß. Soll es doch auf der heutigen öffentlichen Parkfläche an der Wagenerstraße errichtet werden, wenn es nach Fresenius geht.

Daß dies nicht nur die Belichtung der Anliegerwohnungen und der auf die Parkfläche gerichteten Balkone beeinträchtigen würde, sondern die Bewohner auch mit Lärm und Abgasen belasten würde, haben etliche der BPA-Mitglieder durchaus erkannt. Das Bundesimmissionsschutzgesetz, das zwar bislang niemand in diesem Zusammenhang erwähnt hat, wird sicherlich dazu auch befragt werden müssen, wenn man sich denn für so eine Lösung entschiede.

Eins ist ja mal vollkommen klar, wir verzichten da auf überhaupt nichts. Die Parkplätze für die Öffentlichkeit sind ja nicht weg. Dieser Platz, seien wir mal ehrlich, ist sowieso nicht der schönste in Idstein, der kann nur gewinnen. Im Endergebnis wird das eine städtebaulich attraktive Lösung. Und so ein Parkhaus kann man ja auch so bauen, daß es für die Wohnungen dahinter einen Lärmschutz gegen die Wagenerstraße darstellt. Das wird eine ganz tolle Sache, für die Studierenden und für Idstein, das dadurch belebt wird.

Peter Piaskowski

Fraktionsführer CDU, - zitiert nach Mitschrift der ULI während des Haupt- und Finanzauschusses am 28. September 2017 -

Selbst wenn man der Sicht von Peter Piaskowski (CDU) folgen wollte, der zwei Tage nach der BPA-Debatte im Haupt- und Finanzausschuß versuchte, die augenfällige Unverträglichkeit wegzureden, selbst dann müßte man noch die Frage stellen und sehr ernsthaft prüfen, ob mit der fraglichen Fläche von ca. 2.200qm nicht eine für die Stadt (und Stadtkasse) gewinnbringendere Entwicklung durchgeführt werden könnte. Immerhin handelt es sich um das letzte innerstädtische Grundstück in städtischer Hand, das gemäß Bodenrichtwert einen Wert von € 800.000 hat.

Will man dieses letzte Sahnestück für ein Parkhaus weggeben um im Gegenzug nichts zu bekommen als die Wiederherstellung derselben Anzahl Parkplätze für die Öffentlichkeit, wie sie jetzt schon auf der freien Parkfläche vorhanden sind?

Die ULI meint, nein, so ein Grundstück will man nicht so einfach dafür hergeben, daß vor den Balkonen der Wagenerstraße die Autos der Studierenden in vier Lagen übereinander gestapelt werden können, während die Eigentümer der Fahrzeuge sich auf dem dann „mit erhöhter Aufenthaltsqualität attraktivierten“ Campus (Zitat Kappes) aufhalten.

Der soll nämlich anstelle der heutigen Campusparkplätze Grünanlagen erhalten. Und auch einen kleinen Teich hat man auf der ersten Grobskizze nicht einzuzeichnen vergessen, auch wenn man das an der Stelle sicherlich mal als architektenzeichnerische Freiheit betrachten darf.

Die ULI meint aber auch, daß man dennoch die Wünsche von Fresenius mit einer deutlich verträglicheren Lösung für die Stadt(kasse) und die Anwohner harmonisch unter einen Hut bekommen kann. Und dafür ist gar nicht mal so viel mehr nötig als der Wille, sich von den bislang vorgelegten Visualisierungen komplett zu lösen:

Die BPA-Mitglieder haben sich redlich gemüht, diese Visualisierungen durch kleine Veränderungen hie und dort verträglicher zu gestalten. Sie haben sich aber nicht lösen können von der Lokalisierung des gewünschten Parkhauses auf dem Standort Wagenerstraße und der Aufstockung des heutigen Postgebäudes, um mehr Seminar- und Aufenthaltsraum zu schaffen.

Das Foto zur ULI-Stellungnahme in Idsteiner Zeitung vom 29. September 2017 zeigt aber sehr schön, daß es eine elegante Alternative gibt:

Die Topografie des Campusgeländes hin zur heutigen Post gibt es quasi vor, anstelle des heutigen Postgebäudes mehrere Parkebenen zu schaffen. Diese sind von der Wagenerstraße und Im Hopfenstück nicht nur deutlich geringer optisch auffällig; die größere Entfernung zur Wohnbebauung und besagte Topographie vermindern auch Lärm- und Abgasbelästigung deutlich.

Wenn Fresenius dann die Parkplatzfläche von der Stadt anpachtet und dort in lockerer und ein- bis zweigeschossiger moderner Pavillonbauweise Seminarraum und Aufenthaltsraum schafft, der sich ggf. sogar Nichtstudierenden öffnet, dann kann in Richtung Anwohnerwohnungen ein weiterer grüner Aufenthaltsbereich angelegt werden, der denjenigen ergänzt, den sich Freseniums auf dem Campus wünscht. Und vielleicht bleibt ja sogar noch Raum für das eine oder andere kleine Geschäft, einen Coffeeshop o.ä.

Ein solches Mischangebot aus hochqualitativen Aufenthaltsorten im Freien wie in Gebäuden, der auch der Öffentlichkeit teilzugänglich ist, schafft den Brückenschlag zu einer deutliche Aufwertung des Wohnwertes für die Anwohner, ganz im Sinne der doppelten Innenentwicklung.

Ein echtes Bekenntnis von Fresenius für eine verläßlich Bindung an den Standort.
Eine echte Win-Win-Situation, die die ULI gerne zwischen Verwaltung, Fresenius und politischen Gremien zu vermitteln anbietet.

So baut man heute Pavillons: nachhaltige Baustoffe, pfiffiges Design und licht-luftige Formengebung und Ästhetik. Hier als Beispiel ein Konzepthaus der Firma Baufritz.

Frontalunterricht Physik statt Dialog mit den Bürgern

Sie nannte sich „Bürgerdialog Stromnetz“, die Veranstaltung, zu der am 14. September vom gleichnamigen Bündnis aus Marketing- und Moderations-Unternehmen in die Idsteiner Stadthalle eingeladen wurde.

Der angekündigte Dialog wurde, schon bevor er überhaupt startete, stark seitens der Moderatorin ins Regelkorsett gepresst:
Das Auditorium wurde vorab streng ermahnt, sich mit Fragen knapp zu fassen, vorhabenbezogene Aspekte zum hier in Idstein geplanten Ultranet nicht zu thematisieren und, vor allem, von persönlichen Angriffen auf die geladene Referentin, Dr.-Ing. Hannah Heinrich, abzusehen.

Erstaunlich strenge Worte und Regeln für etwas, das sich neutral-sachliche Information und Dialog mit besorgten Betroffenen auf die Fahnen geschrieben hatte. Die Mitarbeiter von „Bürgerdialog Stromnetz“ touren seit Monaten an der Seite von Vertretern des Ultranet-Vorhabenträgers Amprion durch die Republik und haben offenbar Erfahrungen gesammelt, die ihnen die o.g. schmallippige Ansage angebracht erscheinen ließ.

Dr.-Ing. Hannah Heinrich

re: Oliver Cronau, Leiter Genehmigungen/Umweltschutz Leitungen Amprion

Derart eingeleitet stieg Dr. Heinrich in ihre Frontalvorlesung Physik ein, unter der aufmerksamen Beobachtung der anwesenden Amprion-Mitarbeiter Joelle Bouillon (Unternehmenskommunikation) sowie dem Leiter Genehmigungen/Umweltschutz Leitungen Oliver Cronau, die interessanterweise bei der vorgeschalteten Begrüßung der Vertreter von Kommunalpolitik und -verwaltung unerwähnt blieben.

Die von Physik-Interessierten durchaus geschätzten Details zu Wechsel- und Gleichstrom als solchem gingen leider an dem, was das Auditorium vorrangig interessierte, thematisch komplett vorbei. Die Idsteiner Zeitung repetierte den Inhalt der „Physikstunde“ zwar treulich, quasi als Vorlesungs-Skript; dies trug aber leider nach Ansicht der ULI auch nicht angemessen zur Einordnung dessen bei, wie die Fragen und Besorgnisse der Idsteiner Betroffenen beanwortet werden können.

Es ist schon richtig: Es gab für die kritisch-interessierten Beobachter der ULI wenig Anlaß für die Vermutung, daß die Ausführungen Dr. Heinrichs sachlich fehlerhaft sein könnten. Was jedoch für viele zu spüren war und anhand einiger dezidierter Nachfragen aus dem Auditorium, u.a. auch durch die ULI, schließlich ausdrücklich klar wurde:
Was richtig ist, kann dennoch unvollständig oder – im hier diskutierten Zusammenhang Ultranet-Besorgnisse der Bevölkerung – irrelevant sein.

Und im vorliegenden Falle waren Dr. Heinrichs Ausführungen leider beides:

Verkürzt und damit verfälschend an den Stellen, an denen sie überhaupt einmal auf die zentrale besorgte Frage der Bevölkerung einging, nämlich auf das etwaig vorhandene oder klar auszuschließende Vorliegen akuter und/oder chronischer Auswirkungen der elektrostatischen wie magnetostatischen Felder und, vor allem, der von ihnen ausgelösten Sekundäreffekte (hierzu gehören z.B. Feinstaubwolken ionisierter Partikel, die im Bereich der Hochspannungsleitungen entstehen und vom Wind vertragen werden können).

Es ist auf der einen Seite zwar richtig, daß eine derartige womögliche Gesundheitsgefährdung für bestehendes wie auch ungeborenes Leben nicht eindeutig und nicht im Kausalzusammenhang mit, z.B., ionisierender Strahlung gezeigt werden konnte.

Aber es gibt durchaus Berichte, die einen solchen Zusammenhang mindestens nahelegen und auch eine statistische Abhängigkeit von Ionenwolken und etwa kindlicher Leukämie zeigen:

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Übersetzung des nebenstehenden Textes

„Epidemiologische Studien haben immer wieder und übereinstimmend eine positive Abhängigkeit zwischen extrem niederfrequenten magnetischen Feldern und Leukämie des Kindesalters festgestellt, mit einem offensichtlich 2-fach erhöhten durchschnittlichen Risiko bei 24-stündiger Exposition von Strahlungsintensitäten über 0.3 – 0.4 µT (siehe. Abb. 2.8.5.)

Allerdings ist ein kausaler Zusammenhang bislang nicht zweifelsfrei dargestellt worden, aufgrund der bei Beobachtungsstudien bestehenden Möglichkeit von Verzerrungen und konfundierenden Effekten [d.h. nicht ausreichend herausfilterbaren oder herausgefilterten womöglichen Störvariablen]; und aufgrund der Tatsache, daß entsprechende weitergehende Evidenz aus experimentellen Studien und seitens mechanistischer Daten bislang fehlen.

Falls ein Kausalzusammenhang allerdings in der Tat besteht, lassen sich schätzungsweise < 1 – 4% aller Fälle von kindlicher Leukämie auf die Exposition in extrem niedrigfrequenten magnetischen Feldern zurückführen.“

Damit ist die klare Frage, die im Sinne des Vorsorgeprinzips geklärt werden muß, diejenige, die auch die ULI in der Veranstaltung stellte:

„Wie ordnen Sie, Frau Dr. Heinrich, Ihre Aussagen, daß elektrische wie magnetische Felder einer HGÜ wie die des Ultranets „nicht von Belang“ seien, in den Zusammenhang der Empfehlung der Strahlenschutzkommission (SSK) ein.“ [ULI liest die nebenstehend farblich angestrichene Passage der SSK-Stellungnahme vom September 2013 aus einem bei der Veranstaltung ausliegenden Ansichtsexemplar vor.]

Die Antwort Dr. Heinrichs?

Sehr wortreich und schon dadurch wenig nachvollziehbar, sogar für die anwesenden Naturwissenschaftler mit medizinisch-professionellem Hintergrund und Erfahrungsschatz. Daher die klärende Nachfrage der ULI am Ende der länglichen Ausführungen Dr. Heinrichs:

„Sind also seitdem Studien im Sinne der vorgenannten Empfehlung der Strahlenschutzkommission durchgeführt oder in die Wege geleitet worden, ja oder nein?“

Antwort Dr. H. Heinrich: „Nein!“

Gesundheitspolitisch ist damit ganz klar nunmehr endlich das zu leisten, was die SSK bereits vor exakt vier Jahren in ihrer Stellungnahme und Empfehlung gefordert hat:

Ein Pilotprojekt wie dasjenige des Ultranets, das eine bisher noch nie in realiter umgesetzte Technologie nutzen möchte, nämlich die gemeinsame Führung von Hochspannungs-Gleich- und –Wechselstrom auf einem beide Leitungen tragenden Hybridmast …

… ein solches Pilotprojekt, das zum ersten Mal vom theoretischen „Rechenblatt“ in unsere Lebenswelt übertragen wird, muß vor dem unkontrollierten Feldversuch mit vielen 100 Trassenkilometern und einer Zahl von bis zu 1 Mio. betroffenen Anwohnern und Anwohnerinnen in sinnvoll aufgesetzten kontrollierten Studien über ausreichend lange Zeit mit ausreichend vielen Probanden dergestalt untersucht werden, daß alle aus wissenschaftlicher und gesundheitspolitischer Vorsorge-Sicht und Vorsorge-Pflicht relevanten Parameter möglichst umfassend und hochqualitativ untersucht werden.

Das Bundesamt für Strahlenschutz hat kürzlich einen solchen Forschungsauftrag erhalten.

Bis dieser durchgeführt ist und die  entsprechenden Studienergebnisse ausgewertet sind, muß es die vornehmste Pflicht der Bundesnetzagentur und aller gewählter Volksvertreter im Bund sein, Alte und Junge, Gesunde und bereits Vorgeschädigte wie Herz- oder Lungenkranke, Implantatträger, Schwangere und solche, die in Zukunft noch Kinder zeugen oder gebären können, sowie nicht-humane Mitgeschöpfe vor nicht ausreichend untersuchten und damit nicht ausreichend prognostizierbaren Auswirkungen einer Stromtrasse zu schützen.

Diese Zeit müssen und können wir uns als Gesellschaft mit Verantwortung füreinander und unsere Zukunft nehmen; zumal die HGÜ-Trasse Ultranet entgegen den Marketingversprechen des Vorhabenträgers Amprion den versprochenen Beitrag zur Energiewende frühestens im Jahr 2025 wird leisten können; und bis dahin plant, fossilen Braunkohlestrom von A nach B, durch Idstein hindurch zu transportieren – eine Energieform, die den Zielen der Energiewende komplett zuwiderläuft.

NACHTRAG:
Die Frage, die die ULI gerne noch an Dr. Heinrich gerichtet hätte, blieb leider aufgrund zunehmend tumultösen Veranstaltungsverlaufs ungestellt:

Wenn tatsächlich jede sachgerecht durchgeführte kontrollierte und ausreichend lange Studie mit aussagekräftiger „statistischer Power“ (wie es im Fachjargon heißt) nur bestätigen wird, daß keinerlei Gesundheitsbedenken zu gewärtigen sind, warum wehren sich die Vorhabenbetreiber und ihre Referenten dann derart vehement gegen die sachlich-wissenschaftlich nur folgerichtige und ganz nüchterne Forderung nach einem solchen Nachweis?

Alle Seiten hätten Ruhe bzw. könnten beruhigt sein, wenn man ihn erbrächte.

Daß man dies nicht zu tun bereit ist, hinterläßt einen schalen Geschmack.

Zynismus statt Verantwortungsbewußtsein

Wer erinnert sich noch an das Thema „Ultranet“, das Ende März den Veranstaltungsraum der Stadthalle aus allen Nähten platzen ließ?

Man hat lange nichts von diesem Thema gehört. Die Bürgerinitiative, die sich zum Thema unter direkt Betroffenen, den BewohnerInnen des Gänsbergs, formiert hat, agiert leider weitestgehend hinter verschlossenen Türen. Und die Information der Stadt Idstein zu diesem Thema ist äußert dünn bis nicht auffindbar. Der geneigte Leser suche gerne selbst zu diesem Stichwort unter www.idstein.de .

Die Informationen dazu, was Bürgermeister Christian Herfurth und der Magistrat bislang in dieser Angelegenheit unternommen haben, sind zwar kürzlich nochmals zur Veröffentlichung auf der Internetseite der Stadt zugesagt worden. Passiert ist dahingehend jedoch nichts.

Daher hier einige sachliche Tatsachen zum Thema, die die ULI recherchiert hat:

Das Ultranet ist eine Höchstspannungs-Gleichstromübertragungstrasse (HGÜ-Trasse), die die auf bestehenden Wechselstromtrassen aufsitzen soll und in dieser Form die erste ihrer Art sein wird.

Neue Stromtrassen unterliegen gesetzlichen Auflagen hinsichtlich des Mindestabstandes zu Gebäuden und geschlossener Bebauung. Obwohl das Ultranet ein unerprobtes Novum ist, für dessen physikalische, gesundheitliche und sonstigen Auswirkungen auf Mensch, Tier und Umwelt noch keinerlei Werte oder Erfahrungen vorliegen, ist die Ultranet-Trasse von den ansonsten geltenden Mindestabständen befreit.

Die Angabe von belastbaren Schwellenwerten für Wahrnehmungs-, Belästigungs-, Schmerz- und Gefährdungseffekte ist derzeit nicht möglich. Daher empfiehlt die SSK die Durchführung weiterer Forschungsprojekte zur Wahrnehmung vor allem in Form von Humanstudien.

Strahlenschutzkommission (SSK)

Quelle: http://www.ssk.de/SharedDocs/Beratungsergebnisse/2013/HGUE.html

Das Ultranet wird bis auf weiteres nicht den propagierten angeblichen Beitrag zur Energiewende durch Transport von Strom aus Erneuerbaren Energien beitragen. Ganz im Gegenteil wird es bis mindestens 2025 konventionellen Braunkohle-Strom aus Meerbusch im Ruhrgebiet transportieren.

Damit steht es auch nicht zum Zeitpunkt der Abschaltung des letzten Atomkraftwerks in 2022 zur Verfügung, schon gar nicht als Ersatz für das bereits seit letztem Winter abgeschaltete AKW in Philippsburg.

Der Transport des Braunkohlestroms über das (unerprobte) Ultranet soll zwar durch Idstein gehen, in einem geringeren Abstand zur Wohnbebauung in Wörsdorf und auf dem Gänsberg als für (erprobte) Wechselstromtrassen gesetzlich vorgeschrieben. Idstein wird jedoch in keiner Weise selbst hiervon profitieren; dies geschieht erst am HGÜ-Trassenende in Philippsburg (BW) genutzt. Dies steht im krassen Gegensatz zu zukunftsfähiger Produktion von Energie in räumlicher Nähe zu ihrem Verbrauch.

Schließlich hat bei neuen Trassen gemäß Bundesgesetzgebung Erdverkabelung generell Vorrang vor Freileitung, die nur ausnahmsweise zur Anwendung kommen dürfen.

[Jochen] Homann [Chef der Bundesnetzagentur] verteidigt regelmäßig die Entscheidung für Erdkabel, obwohl diese deutliche Mehrkosten in Milliardenhöhe bringen werden. Erdkabel ermöglichten teils direktere Trassenführungen und sparten so Wege. Außerdem werde es mutmaßlich deutlich weniger Proteste und damit langwierige Prozesse geben, argumentiert Homann. „Wir sehen deutlich, dass die Akzeptanz für die Leitungen steigt, seit klar ist, dass diese als Erdkabel realisiert werden“, sagt der Netzagenturchef. Das rechtfertigt aus Sicht der Behörde auch die Mehrkosten: „Ohne Erdkabel würden wir überhaupt nicht voran kommen“, heißt es aus der Netzagentur. ZEITOnline

vom 7. Mai 2017 , http://www.zeit.de/news/2017-05/07/energie-stromnetzausbau-kommt-in-gang-07115203

Gerade der Punkt „Vorrang Erdverkabelung“ erscheint der ULI bemerkenswert vor dem Hintergrund der Aussagen Bürgermeister Herfurths (CDU) und des Bundestagsdirekt-Kandidaten Klaus-Peter Willsch (CDU) zu diesem Thema. In Gesprächen und schriftlichen Stellungnahmen heben beide hervor, daß die Stadt einen Alternativvorschlag für die Trassenführung der Freileitungen unterbreitet hat. Dieser Vorschlag seitens der Stadt Idstein ist laut BI Ultranet wohl sowieso bei der Bundesnetzagentur nicht fristgerecht eingegangen, so daß mit Berücksichtigung nicht zu rechnen ist.

Zudem stellt die ULI jedoch erstaunt fest, daß die eigentlich vorrangige Erdverkabelung für diejenigen, die hier in der Verantwortlichkeit für Idstein und die Gesundheit ihrer Bewohner und Bewohnerinnen stehen, offenbar überhaupt keine Alternative, geschweige denn eine Forderung gegenüber dem zukünftigen Netzbereiber Amprion und der Bundesnetzagentur zu sein scheint.

 

„Was ist schon eine Million Betroffener bei einer Gesamtbevölkerung von 80 Millionen.“

Klaus-Peter Willsch (CDU), MdB und Bundestagsdirektkandidat 2017 Wahlkreis Rheingau-Taunus-Limburg

zu besorgten Bewohnerinnen und Bewohnern des Idsteiner Gänsberg im Wahlkampfgespräch am 09. September 2017

Bewohner und Bewohnerinnen des Gänsbergs, die Willsch auf einer CDU-Bundeswahlkampfveranstaltung in Idstein am 09. September 2017 darauf hinwiesen, daß entlang der geplanten Ultranet-Trasse immerhin ca. 1 Millionen Bürgerinnen und Bürger ungefragt und vielfach ungewollt einem Feldversuch mit zur Zeit nicht absehbaren Risiken ausgesetzt werden, durften sich von einem gewählten Vertreter der Bürgerinteressen anhören: „Was ist schon eine Million Betroffener bei einer Gesamtbevölkerung von 80 Millionen.“

Ein derartig achselzuckend-lapidares Verständnis des Wählerauftrages bei jemandem, der gerade ausreichend Stimmen in seinem Wahlkreis einsammeln will, um wieder in den Bundestag einzuziehen, empfindet die ULI als mindestens höchst zynisch.

 

Rheinland-Pfalz macht dagegen vor, die man begründete Bürgerbesorgnis mit verantwortlicher Politik in Einklang bringt:

Und wen das ebenso wichtige wie verantwortungsbewußte Vorsorgeprinzip, das Landesministerin Ulrike Höfgen (Bündnis 90/Die Grünen) in der nebenstehenden Pressemitteilung des Rheinland-Pfälzischen Landesministeriums zitiert, als überzogen abtun möchte, sollte spätestens von dem ebenfalls oben genannten Forschungsprogramm des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) eines Besonneneren belehrt werden:
Das BfS steht nun wirklich nicht im Ruch, besonders esoterisch, alarmistisch oder sonstwie abseits reiner Meßwerte, wissenschaftlichen Fakten und belegter Forschungsergebnisse zu stehen; im Gegenteil.

Quelle: https://mueef.rlp.de/de/pressemeldungen/detail/news/detail/News/ultranet-hoefken-unterstuetzt-forderung-der-bi-pro-erdkabel/

Bürgerinfomarkt ULTRANET in IDSTEIN, Stadthalle, 14. September, 19 - 21 Uhr

Nicht nur die über 50% direkt betroffenenen Wörsdorferinnen und Wörsdorfer sowie die auf dem Gänsberg Lebenden sollten dies als wichtigen Termin vermerken, um sich die Argumentation der verschiedenen Seiten anzuhören.

Vor allem könnte dies ein öffentliches Lehrstück darüber werden, wie diejenigen, die durch unser Mandat in die Pflicht gehoben wurden, Schaden von der Stadt und ihren Bewohnern abzuwenden, in realiter agieren und argumentieren, wenn das entsprechende Vorsorgeprinzip der eigenen Stadtbevölkerung dem Privatinteresse eines großen bundesweit agierenden Konzerns gegenübersteht.

Hier und jetzt sind politisches Rückgrat und Engagement zur notwendigen Wahrung der Interessen der Stadtgesellschaft gefragt.

Ehre, wem Ehre gebührt – aber auch nur dem

Der geplante Ersatzbau für die ehemalige KiTa Escher Bogen wurde gestern im Ortsbereit Idstein-Kern im Detail vorgestellt, genauso wie, Stunden später, die nochmals veränderte Fassadengestaltung der Neubauplanung für den Eingang der Rodergasse (aus Richtung Wiesbadener Straße auf der rechten Seite, an die Christophorus Apotheke anschließend).

Was soll man sagen, wenn man die beiden architektonischen Entwürfe nebeneinander legt, die der Investor Krieger + Schramm, Dingelstädt zusammen mit der Fa. Planquadrat, Darmstadt für das Altstadttor aus Richtung Niedernhausen kommend sowie die Fa. Bücher zusammen mit SHP-Architekten, Darmstadt für das Pendant aus Richtung Autobahn vorgelegt haben?

Copyright: SHP-Architekten, Darmstadt und Dietmar Bücher – Schlüsselfertiges Bauen, Idstein

Der eine hat eine altstadtgerechte Fassadengestaltung vorgelegt und sie jetzt nochmals verbessert, indem er mit einem Zwerchhaus einen direkten Bezug zur angrenzenden historischen Bestandsbebauung hergestellt hat. Der andere schlägt vor, die Gestaltungssatzung für Bauten in der Altstadt außer Kraft zu setzen und einen Querriegel aus Flachdachbauten wie eine moderne Trutzmauer der Stadt zu errichten – eher an die abwehrende und ausgrenzende Funktion einer Stadtmauer gemahnend als eine Einladung zum Betreten und Genießen der Altstadt auszusprechen.

Copyright: Planquadrat, Darmstadt und Krieger + Schramm, Dingelstädt

Ehre, wem Ehre gebührt

Die ansprechende und altstadtgerechte Variante ist für den Bau der Fa. Bücher entworfen worden – eine positive Überraschung für alle, die die gängigen Bücher-Bauten in Idstein zur Genüge (und für manchen vielleicht auch zu Verdruß und Überdruß) kennt.

Hier jedoch ist im offenbar konstruktiven und v.a. produktiven Diskurs zwischen Magistrat, Unterer Denkmalpflege und Bauherrschaft ein rundum überzeugender gestalterischer Entwurf gelungen, wie die ULI findet.

Das Zwerchhaus (bzw. die Lukarne) ist ein ein- oder mehrgeschossiger Aufbau eines geneigten Daches. Es hat einen Giebel und ein eigenes Dach. Der Zwerchgiebel steht in der Flucht der Gebäudeaußenwand. Dadurch unterscheidet sich das Zwerchhaus von der Gaube, die unabhängig von den Außenwänden auf dem Dach positioniert ist. Das Dach des Zwerchhauses ist häufig als Satteldach ausgebildet. Dessen First verläuft quer (zwerch) zum Dachfirst des Hauptdachs. Entsprechend stehen die Traufen von Zwerchdach und Hauptdach rechtwinklig zueinander. Das Zwerchdach kann aber auch als Flach-, Zelt-, Pult- oder Walmdach ausgebildet sein.

Quelle: Wikipedia

Warum die Ortsbeiratsmitglieder ihre Zustimmung zu diesem harmonischen Vorschlag der Fa. Bücher nicht konsequenterweise auch in satzungsgemäße Forderungen nach entsprechender Gestaltung, zumindest was die Dach- und Fensterformen angeht, den Planern des Escher Bogen-Neubaus gegenüber formuliert, bleibt der ULI auch nach der langen und emotionalen Debatte am 15. August ein absolutes Rätsel.

Daß man solche Forderungen nicht nur stellen, sondern diese aufgrund ihrer intrinsischen Legitimität im konstruktiven Dialog mit Bauherrschaft und Architekten umsetzen kann, zeigt das höchst positive Beispiel der Bücher-Planung in der Rodergasse. Wenn diese Forderungen nun von der Politik und vom Magistrat nicht auch für die ehemalige Kita Escher Bogen gestellt werden, dann liegt es nahe, das schlicht als fehlenden stadtplanerischen und politischen Willen einer altstadtgerechten Bebauung auch am zweiten Eingangstor der Altstadt zu verstehen.

Es bleibt in der politische Verantwortung und Pflicht der nachfolgenden beschlußfassenden Gremien Bau- und Planungsausschuß (am 22.08.2017 um 19.00 Uhr Stadthalle, Saal 3) und Stadtverordnetenversammlung (am 07.09.2017 um 19.00 Uhr Stadthalle, Saal 1), den sich abzeichnenden stadtplanerischen Fehler noch zu korrigieren, der aus fehlender Weitsicht, offenbar gewordener Unkenntnis über Geltungsbereich und Kriterienkatalog der Altstadtsatzung und inkonsequenter und inkonsistenter Einzelbetrachtung einzelner Bauvorhaben anstelle einer stadtplanerischen zusammenhängenden Gesamtsicht auf die Eingangstore der Altstadt zu dem gestrigen Abstimmungsergebnis des Ortsbeirats Idstein-Kern führte.

Erosion der Altstadtsilhouette soll weitergehen

Urlaubszeit, heiße Tage – alle freuen sich, mal nicht arbeiten zu müssen.

Alle?

Nein, an mindestens einer „Baustelle“ wird kräftig in der Stille des beobachtungsfreien Sommerlochs gewerkelt:

Um das weitere Schicksal des Grundstücks der ehemaligen Kindertagesstätte am Parkplatz Escher Straße (im Bogen gegenüber ehemaliges Tafelgelände/ehemaliger Tengelmann an der Schützenhausstraße) war es im Jahr 2015 verdächtig ruhig geworden war, nachdem sie über den Verlauf mehrerer vorangegangener Jahre ziemlich viele ziemlich stark in Atem gehalten hat. Auch hatte sich an der Planung für dieses Grundstück eine hohe Welle der Bürgerempörung ausgelöst.

Übergabe von 700 Unterschriften: Sonja Herden überreicht sie vor der Parlamentssitzung an Stadtverordnetenvorsteher Christian Herfurth (CDU) und Bürgermeister Gerhard Krum (SPD) (rechts).
Foto: wita/Martin Fromme Idsteiner Zeitung 18.05.2013

Der geplante Ersatz wird jedoch wiederum in keiner Weise den baulichen Gestaltungsrichtlinien entsprechen, die in der gültigen Bausatzung für diesen Bereich festgeschrieben sind.

Daß die Kindertagesstätte ersetzt werden soll, ist eine Chance für unsere Altstadt und könnte, wenn man sensibel mit der Planung der Neubebauung umginge zu einer Stärkung und Aufwertung dieses zweiten Eingangstores zum denkmalgeschützten Altstadtensemble werden.

Denn die „Stadtväter“ haben vor ca. 30 Jahren aus sehr gutem Grund auch den Bereich des Kita-Geländes in die damals entworfene Bausatzung mit einbezogen. Die Kita, gebaut 1975 und mithin vor Aufstellung der Gestaltungssatzung, war nun einmal wie sie war. Sollte sie aber jemals – wie jetzt geplant – ersetzt werden, so hat man den Gültigkeitsbereich der Bausatzung zur Gestaltung darauf angelegt, den Fehler der Vergangenheit, als den das Kita-Gebäude schon aus damaliger Sicht erkennbar gewesen sein dürfte, zu korrigieren: Die Gestaltungssatzung fordert bis auf den heutigen Tag, nur (Neu-)Bauten zuzulassen, die der Altstadtkulisse gestalterisch angemessen Rechnung tragen.

Die damalige Empörung hat sich dabei aus derselben Quelle gespeist wie derjenige Unmut, dem über 1.700 Bürgerinnen und Bürger durch ihre Unterschrift zur Wahrung der Altstadtsilhouette vor der Sommerpause der Stadtverordnetenversammlung (StVV) Ausdruck verliehen haben: Das bauliche Erscheinungsbild unserer aus sehr gutem Grund denkmalgeschützten Altstadt wird sukzessive von allen Seiten her sehenden Auges durch modernistische Bauten zerstört.

Denn die ehemalige Kindertagesstätte – wahrlich kein Ausbund an Ästhetik und altstadtgerechter Architektur – soll nun zwar etwas ersetzt werden.

Die Bausatzung zur Gestaltung der Altstadt hat somit nicht nur eine schützende und bewahrende Funktion im Bestand, sondern darüber hinaus auf dem ehemaligen Kita-Gelände auch eine korrigierende gestalterische Kraft. Das ist auch gut und richtig so, denn Bauwerke sind nun einmal auf lange Bestandszeit angelegt – und das, was heute „modern“ erscheinen mag, kann schon morgen allgemein als „Bausünde“ angesehen werden. Die ehemalige Kita selbst, ein typischer „Tischtennisplatten“-Bau, wie sie zu hunderten in den 1970er Jahren als „zukunftsweisende Moderne“ in Deutschland entstanden sind, ist hierfür  eindrückliches Beispiel genug.

Kaum ist diese Chance einer nachhaltig zukunftsfähigen gestalterischen Korrektur für Idstein endlich greifbar, ist die Stadt aber auch schon wieder dabei, sie zu verspielen:
Das Grundstück ist bereits an Krieger + Schramm verkauft, die Kita wird zur Zeit entrümpelt und soll laut Bericht der IZ vom 17.07.2017 ab dem 7. August abgebrochen werden. Was dann errichtet wird, hat mit „Altstadt“ maximal insofern etwas zu tun, als es an die modernistische Ausführung eines mittelalterlichen Bauwerks gemahnen mag: Hoch, unnahbar, abweisend, trutzig.

Diese Empfindung ist nicht nur eine subjektive. Daß die geplanten Immobilien auch objektiv nichts mit dem zu tun haben, was unsere schöne historische Altstadt ausmacht, leitet sich direkt aus der Tatsache ab, daß politisch geplant ist, den Geltungsbereich der Gestaltungssatzung abzuändern und das Kita-Gelände wieder herauszunehmen. D.h. in dem Moment, in dem das gestalterische Korrektiv endlich greifen könnte, nimmt man ihm mutwillig seine Wirkungsmacht, um den Investorenwillen – einmal mehr – zu erfüllen.

Ein weiteres Beispiel, das untermauert, daß Idsteiner Baupolitik keinem souverän erarbeiteten Plan folgt, sondern opportunistisch auf fragmentarische Einzelanforderungen Dritter (Geldgeber) reagiert, ohne eine eigene Agenda oder mittel- bis langfristige Strategie damit zu bedienen.

Stadtplanung und politisch-gesellschaftlich verantwortliches Handeln geht anders.

Die entsprechenden politischen Beratungen und Entscheidungen zur Neubebauung der ehemaligen Kita Escher Str. werden ab August geführt. Startschuß ist im Ortsbeirat am 15. August und, darauf folgend, im Bau- und Planungsausschuß am 23. August. Beide Sitzungen sind öffentlich und damit Pflichttermine für jede/n, der oder dem es am Herzen liegt, daß unsere Altstadt nicht nun auch noch vom letzten verbliebenen Eingang her, der Escher Straße/Weiherwiese, erodiert wird – nach „Neubau HL-Markt“, Neubauplanung in der Rodergasse und der noch offenen Causa „Marktplatz 6/Escher Str. 8 – 10“ und mit dem schon von der A3 das Stadtbild dominierenden Hoch7/Steinkaut-Ensemble.

Die hohe Identifikation der Menschen mit ihrer Stadt möchte er als Potenzial nutzen. Der neue Tegut mit Eine-Welt-Laden in der Schützenhausstraße mache deutlich, dass nichts unmöglich sei. Unmöglich wären für ihn als Bürgermeister hingegen hohe Bauten wie am Saarbrücker Platz. „Das wird es mit mir nicht geben.“ Auch das ehemalige Kita-Gelände an der Escher Straße müsse „behutsam entwickelt“ werden.

Christian Herfurth

in der Idsteiner Zeitung am 15.03.2013