Digitale Ethik Teil 2

​Im letzten Teil haben wir die Begriffe Ethik und Digitales verbunden und haben gelernt, dass Daten das Gold des Internetzeitalters sind.

Diese Daten wollen, genauso wie Gold, auch geschürft werden. Wussten Sie, warum Benachrichtigungshinweise bei Facebook und bei vielen Handys als Zahl mit rotem Hintergrund dargestellt werden? Rot triggert unsere Aufmerksamkeit am stärksten. Facebook zum Beispiel hatte seine Benachrichtigungsanzeige ursprünglich in Blau statt in Rot gehalten. Interaktion der Benutzer war mäßig. Nachdem diese kleine Darstellung von Blau auf Rot gewechselt wurde, hat sich die Interaktion der Benutzer vervielfacht.

Ebenso ist es wissenschaftlich nachgewiesen, dass positive Rückmeldungen in sozialen Medien („Likes“) das Belohnungszentrum im Gehirn ansprechen und genauso Glückshormone ausschütten lassen wie Beispielsweise ein persönliches Lob oder eine nette Geste von einem Mitmenschen.

Du hast 3 neue Nachrichten!

15 neuen Leuten gefällt dein Foto!

Klicke hier um am Gewinnspiel teilzunehmen!

Buchen Sie schnell! 35 andere Leute schauen sich gerade das gleiche Hotelzimmer an!

Sie werden es nicht glauben was sich hinter dieser Geschichte verbirgt!

Das Ausrufezeichen deutet schon den weiteren Weg an, den das Thema nehmen wird. Polarisierende Inhalte, Signalfarben, verlockende Formulierungen, bewusst verwendete Kraftausdrücke, rücksichtslose Formulierungen. Das sind alles nachweislich funktionierende psychologische Mittel um die Interaktion der Benutzer mit dem Produkt (Webseite, App, soziales Netzwerk, …) zu erhöhen.

Interaktion ist der Samen für Daten. Interaktionen sind die Goldader, denen die Goldsucher im Wilden Westen folgen. Ob das Gerücht um die Goldader nun wahr ist oder nicht, war egal. Durch Gerüchte wuchsen Städte in Windeseile, während andere Städte in kurzer Zeit zu Geisterstädten wurden.

Diese Interaktionen, Klicks, Likes oder erzeugte Daten durch bsp. Webseitenbesuche werden in Echtzeit analysiert. Nicht durch Menschen, sondern durch Algorithmen. Wieder ein neuer Ausdruck. Algorithmen sind kleine Hilfsprogramme, wie kleine Roboter, die sowas übernehmen. Algorithmen lernen auch – wie gut sie lernen, werden die meisten Internetnutzer schon oft genug erlebt haben.

Sie haben beispielsweise bei Google nach Gießkannen gesucht. Google weiß nun, dass der Benutzer sich für Gießkannen interessiert und wird Gießkannen in den Suchergebnissen stärker gewichten. Amazon bekommt davon natürlich auch Wind und beim nächsten Besuch von Amazon ist es sehr gut möglich, dass Ihnen auf der Startseite plötzlich auch vermehrt Gießkannen angezeigt werden. Bei Facebook funktioniert das genauso. Wenn Sie einmal ein Like bei Gießkannen gesetzt haben, werden Sie mehr Gießkannen angezeigt bekommen, damit Sie noch mehr Likes verteilen.

Sie fühlen sich wohl, weil das Internet so toll funktioniert, schließlich mögen Sie Gießkannen. Irgendwann werden Sie bei Amazon auch sicher eine kaufen, so funktioniert Werbung nun mal – und dann bekommen Sie natürlich auch weitere Artikel angezeigt, die zu Gießkannen passen.

„Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch …“

Und Amazon merkt sich im Hintergrund natürlich wann Sie nach Gießkannen gesucht haben, wie Sie nach Gießkannen gesucht hast, wo Sie überall nach Gießkannen gesucht haben, ob Sie vom Handy oder Computer gesucht haben, dass Sie mit Kreditkarte bezahlt haben, … den kompletten Vorgang.

Gießkannen sind nur ein neutrales Beispiel um kurz die Algorithmen zu erklären. Wie wir gelernt haben, erzeugen Interaktionen eine Menge Daten. Je mehr Interaktionen desto mehr Daten.

Jetzt ist es natürlich in unserer menschlichen Psychologie schon seit tausenden Jahren so, dass wir auf negative Impulse stärker reagieren als auf positive. Schon der Höhlenmensch musste einem Säbelzahntiger mehr Aufmerksamkeit schenken als einer bunten Blume – nachvollziehbar, oder?

Den Mensch gibt es seit ca. 300.000 Jahren. In mehr als 99% der Zeit war es weniger bequem als jetzt. Nackter Kampf ums Überleben, Krankheiten, bedrohliche Umwelt – das waren eine harte Zeiten. Deswegen reagieren wir stärker auf Bedrohungen und Angst als auf positive Emotionen.

Der Algorithmus, bzw. die Menschen, die ihn kreiert haben, wissen das auch. Deswegen wird in allen sozialen Medien Angst, Hass und Wut höher gewichtet als Freude, Spaß und Zufriedenheit. Wird jeder schon gemerkt haben. Negative Emotionen verbreiten sich wesentlich schneller als „gute Nachrichten“. Wir lernen damit, dass schlimme Dinge im Internet eine höhere Interaktion versprechen als nette Dinge. Das ist schon ein stückweit Verhaltensmanipulation, welche über Belohnungen („Likes“) erzielt werden. Soziale Netzwerke sind somit nichts anderes als Systeme, die permanent Belohnungsimpulse aussenden, um für hohe Interaktionsraten zu sorgen.

Die Beihang University analysierte 2012 die Interaktionsdichte und Verbreitungsgeschwindigkeit von Emotionen. Die Visualisierung der Ergebnisse macht mindestens nachdenklich.

Ein soziales Netzwerk links neutral und rechts nach Ausbreitung von Rot: Wut | Blau: Angst | Schwarz: Ekel | Grün: Freude

Digitale Ethik Teil 1

Unsere lose Serie über die Aspekte der Digitalisierung starteten wir mit der ersten Folge zum Thema: Freifunk, der demokratische Zugang.

Heute geht es weiter mit dem Thema Digitale Ethik. Klingt erstmal ein bisschen trocken, aber lesen Sie selbst.

Das Wort „Ethik“ allein steht für moralische Grundsätze, ungeschriebene Regeln für das menschliche Miteinander und Zusammenleben. Im Alltag ist das meist bekannt und funktioniert recht gut, schließlich lernt man das in der Familie, von den Eltern und auch in der Schule.

In Verbindung mit „Digital“ kommt ein ganz neuer Faktor dazu. Durch das Internet und SocialMedia erweitert sich unser soziales Umfeld und Miteinander deutlich und wesentlich rasanter als „offline“.

Das Internet kann man in dem einen oder anderen Aspekt ein wenig als den „Wilden Westen“ bezeichnen. Es gibt ein Grundgerüst an Regeln und Gesetzen, die meistens auch funktionieren. „Meistens“ ist hier aber recht dehnbar ausgelegt. Jeder wird im Internet schon mal eine schlechte Erfahrung gemacht haben, die im Alltag so nicht passiert wäre.

Der Umgangston ist wesentlich rauer, Beleidigungen sind an der Tagesordnung, man wird mit schlechten Nachrichten überflutet, die Wahrheit bleibt oft auf der Strecke oder ihr wird eine niedrige Priorität zugeordnet, man muss sehr vorsichtig sein, um nicht irgendeinem Betrug zu erliegen. Die Liste ließe sich noch länger fortführen.

Jeder wird auch mal das Wort „Datenschutz“ gehört haben und sich mehr oder weniger Gedanken darüber angestellt haben. Das „Recht auf informationelle Selbstbestimmung“ steht angedeutet in unserem Grundgesetz (Art. 2 Abs. 1 GG in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 GG das sogenannte allgemeine Persönlichkeitsrecht) und explizit in der Charta der Grundrechte der Europäischen Union. Um die Hintergründe und die Bedeutung dieses komplexen Themas komplett zu verstehen, muss man schon Fachmann sein.

Zwei einfache Beispiele aus dem Alltag. Sie wollen, dass Ihnen niemand in die Wohnung schauen kann, also ziehen Sie die Gardinen zu oder lassen die Rollläden herunter. Lästigen Vertretern und Klinkenputzern schließen Sie einfach die Tür vor der Nase oder legen den Telefonhörer auf. Im Internet ist das nicht so einfach.

Kommen wir wieder zum Wilden Westen zurück. Man denkt an Cowboys, Postkutschenüberfälle, Goldgräberstädte und den allgemeinen Goldrausch mit all seinen Facetten. Damaliges Zahlungsmittel waren Goldmünzen, wer viele davon hatte war reich, und hatte Macht.

p

Artikel 8 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union

Schutz personenbezogener Daten

(1)   Jede Person hat das Recht auf Schutz der sie betreffenden personenbezogenen Daten.

(2)   Diese Daten dürfen nur nach Treu und Glauben für festgelegte Zwecke und mit Einwilligung der betroffenen Person oder auf einer sonstigen gesetzlich geregelten legitimen Grundlage verarbeitet werden. Jede Person hat das Recht, Auskunft über die sie betreffenden erhobenen Daten zu erhalten und die Berichtigung der Daten zu erwirken.

(3)   Die Einhaltung dieser Vorschriften wird von einer unabhängigen Stelle überwacht.

Das Gold des Internets sind Daten. Ihre persönlichen Daten, Informationen über Sie und Ihr Leben. Jetzt werden die Begriffe „Datenschutz“ und „Recht auf informationelle Selbstbestimmung“ langsam etwas greifbarer.

Auch das Wort „Daten“ verdient es, in diesem Zusammenhang mal etwas genauer betrachtet zu werden. Die Definition aus dem Duden ist etwas holprig:

(durch Beobachtungen, Messungen, statistische Erhebungen u. a. gewonnene) [Zahlen]werte, (auf Beobachtungen, Messungen, statistischen Erhebungen u. a. beruhende) Angaben, formulierbare Befunde.

Duden

Es ist nicht so leicht, damit etwas anzufangen, daher ein paar Beispiele für persönliche Daten:

Ihr Geburtsdatum, Kontaktdaten wie Adresse oder Telefon/Handynummer, Ihre finanziellen Mittel, wo Sie etwas zuletzt eingekauft haben („Haben Sie eine Payback-Karte?“), Ihr Bewegungsmuster, Ihre Patientenakte/n, wer Ihre Freunde und Familienmitglieder sind, wie und wie oft Sie mit ihnen kommunizieren, wann Sie wie schnell mit Ihrem Auto wo hin gefahren sind, welche Webseiten Sie wann und in welcher Reihenfolge aufgerufen haben, sämtliche Banküberweisungen, Ihr Musik- und Filmgeschmack, Ihre Vorstrafen (sofern vorhanden), nach welchen Begriffen Sie wie oft im Internet gesucht haben, die Inhalte(!) Ihrer Emails und Nachrichten auf Ihrem Handy, Ihre Passwörter und zu guter Letzt auch Ihre persönlichen Gespräche in Ihren eigenen vier Wänden.

All das sind Daten, teils sehr persönliche Daten.

Kleine Goldnuggets, fette Goldbarren oder gar Diamanten.

Es ist unethisch und moralisch falsch, solche Daten ohne Ihr Wissen und Ihre Zustimmung zu sammeln, weiterzugeben oder gar zu stehlen.

Ich würde eher meinen Haustürschlüssel abgeben als meine Passwörter.

Allerdings passiert das im Internet täglich, in jeder Sekunde, wenn Sie Ihre Emails abrufen oder eine App auf Ihrem Handy starten. Deswegen ist es längst überfällig, dass in der Gesellschaft und Politik über dieses Thema gesprochen wird.

 Im Nächsten Teil tauchen wir etwas tiefer in das Thema Digitale Ethik ein.

Kostenlos und sicher ist: Freifunk

Die Stadt Idstein hat nun auch die Zeichen der Zeit erkannt und will bis Ende Mai 2019 eine „kostenlose und attraktive WLAN-Infrastruktur“ in zentralen Bereichen aller Idsteiner Stadtteile und der Altstadt zur Verfügung stellen.

Wie heißt es so schön? Idee gut, Umsetzung mangelhaft.

Die Idee, gerade für Orte mit mangelhaftem Netzausbau so etwas zur Verfügung zu stellen, ist auf jeden Fall lobenswert. Es ist zeitgemäß und belebt die zentralen Plätze. In Nachbarländern gibt es so etwas schon seit Jahren und es fördert die Attraktivität.

Bei der geplanten Umsetzung gibt es einige Punkte, die genauer zu beleuchten sind. Das Timing zum Bürgermeister-Wahlkampf deutet auf einen gewissen politischen Aktivismus hin. Das Thema „freies WLAN für Idstein“ ist durch die Freifunker-Community im Rheingau-Taunus schon vor drei Jahren angesprochen worden. Fertige Konzepte wurden vorgelegt, Kostenmodelle und komplette  Einkaufslisten für die Stadt Idstein angefertigt. Allein, die Stadtverordnetenversammlung reagierte ablehnend vorgeblich aus Kostengründen.

Die Unabhängige Liste treibt das Thema Freifunk in Idstein seit dem Sommer 2018 erneut intensiv voran. In der Kernstadt sowie Eschenhahn und Oberauroff sind Freifunk-Router installiert bzw. werden in den nächsten Wochen installiert. Mit Heftrich, Nieder-Oberrod und Kröftel wurden erste Gespräche geführt. Die Gemeinde Waldems verzichtet aus Kostengründen auf die Digitale Dorflinde und setzt stattdessen in Zusammenarbeit mit der Unabhängigen Liste auf die Freifunk-Lösung.

Schon wenn man sich das Thema Kosten etwas genauer anschaut, sieht man, dass die Digitale Dorflinde, die nun alternativ umgesetzt werden soll, schnell zum teuren Premiumgewächs wird. Denn: Die einmaligen und monatlichen Gebühren für den Internetanschluss muss die Stadt Idstein selbst zahlen. Ebenso muss die Stadt die Kosten für möglicherweise notwendige Verkabelung, Stromzuführung und weiteres zahlen. All das ist Voraussetzung dafür, dass das Angebot „Digitale Dorflinde“ überhaupt genutzt werden kann.

Wenn das alles geklärt und erledigt ist, pro Dorflinde-Hotspot ein Interanschluss läuft, vom Elektriker Netzwerkkabel aufs Dach des jeweiligen DGH gelegt worden sind, dann darf man sich pro Kommune maximal 10 WLAN-Hotspots (handelsübliche Outdoor-Accesspoints) fördern lassen. Für die Ersteinrichtung eines Hotspots lässt sich der Drittanbieter(!) vom Land Hessen dafür bis zu 1.000€ zahlen. Aus Steuergeldern, wohlgemerkt.

Drittanbieter, Sie haben richtig gelesen. Mit im Boot ist die deutsche Tochter einer österreichischen Firma (www.free-key.eu) welche die Infrastruktur stellt und wartet. Außerdem schaltet sie eine Landingpage davor, auf der die AGB von free-key zu akzeptieren sind. In den AGB der Digitalen Dorflinde steht unter §9, dass free-key natürlich einige individuelle Daten speichert. Wer zu welchem Zweck Zugriff auf welche Daten hat, bleibt unklar.

Auch beim Freifunk, der fast kostenfreien Alternative, die die Stadt ablehnte, ist ein Internetanschluss Voraussetzung. Irgendwo her muss das digitale Trinkwasser ja kommen. Und für eine digitale Mitfahrgelegenheit muss zumindest ein Transportmittel da sein. Allerdings kann man für die Kosten, welche die Digitale Dorflinde je Hotspot veranschlagt, ca. 12-15(!) Freifunk-taugliche Outdoor-Accesspoints anschaffen. Folgekosten? Abgesehen von Stromverbrauch keine!

Die Vorteile von Freifunk liegen allerdings nicht nur auf der Kostenseite. Auch hinsichtlich des Datenschutzes punktet Freifunk klar. Keine Landingpage, kein Anmeldezwang und keinerlei(!) Datenspeicherung. So muss ein freier und sicherer Internetzugang heute aussehen.

Ebenso ist der soziale und ehrenamtliche Aspekt von Freifunk nicht zu verachten. Freifunk ist ein offenes community-basiertes Mitmachnetz für Jedermann. Was sich umständlich lesen mag, sagt aus, dass Freifunk auf einer OpenSource-Software basiert, die von jedem technisch versierten und und IT-affinen Mensch verbessert und eingesehen werden kann. Die Freifunk-Software läuft auf vielen handelsüblichen Internetroutern in Preisregionen ab 30€ und eignet sich somit auch für ein kleines Gäste-WLAN zu Hause, für Gastronomen oder für Einzelhändler, die ihren Kunden den Service des kostenlosen WLANs sorgenfrei anbieten möchten. Es gibt für jeden Einsatzzweck passende Hardware.

Ein weiterer Bonus ist die Tatsache, dass die Freifunk-Geräte ALLE untereinander kommunizieren, sich miteinander vernetzen und so in der Lage sind, den Ausfall eines Internetanschlusses zu kompensieren. D.h. ältere Mitmenschen, die über keinen eigenen Internetanschluß verfügen, können teilhaben, da über Freifunk auch handelsübliche GPS-basierende Notrufsender funktionieren. So kann eine Ortsgemeinschaft ein ehrenamtliches und gemeinnützig anerkanntes Projekt wachsen lassen, was mit der Digitalen Dorflinde ausgeschlossen ist.

Wenn nämlich der Telekom-Anschluss ausfällt, lässt die Digitale Dorflinde die Blätter hängen und wird zur Offline-Trauerweide.