Vielfalt und Zusammenhalt

… und was Bürgermeister und Stadtverwaltung dazu aktiv beitragen wollen

Ausgewählte Mitschrift der Antworten auf die von der ULI eingereichten Fragen der Bürgerversammlung am 29. Mai 2018

Das offizielle Protokoll der Stadt Idstein zur Bürgerversammlung am 29. Mai 2018 läßt weiter auf sich warten.

Daher hat die ULI umdisponiert:

Wir wollten das offizielle Protokoll mit entsprechenden Ergänzungen und Kommentierungen unserer Fragen an Bürgermeister und Verwaltung hier in einer Gesamtschau veröffentlichen. Aufgrund der zögerlichen Protokollierung wählen wir jetzt einen anderen Weg:

Das diesjährige Fest der Vereine am 23. Juni 2018 steht unter dem Motto „Migration, Integration, Inklusion – Vereinbarkeit von Vielfalt und Zusammenhalt.“

Zum ersten Mal sind hierzu auch alle kommunalpolitisch engagierten Gruppierungen eingeladen worden. Außer Bündnis 90/Die Grünen und uns von der ULI hat aber offenbar keine der Parteien etwas zu diesem Thema zu sagen – oder es liegt ihnen nicht ausreichend am Herzen?

Warum will fast keine der in der Stadtverordentenversammlung vertretenen Parteien über das Fest der Vereine aktiv dazu beitragen, daß ein sichtbares Zeichen für ein vielfältiges Miteinander der Idsteiner Stadtgesellschaft gesetzt wird?

Die ULI macht sich fortlaufend zu diesem Thema Gedanken:
Wie kann unsere Stadtgesellschaft, gerade unter aktiver und selbstbestimmter Einbeziehung der Orts- und Stadtteile, zusammenwachsen und gestärkt werden? In dem wir unter anderem deren Heterogenität als Chance und nicht als Hemmschuh betrachten.

Einige Fragen, auf die die Gedanken und Lösungsansätze der ULI hinweisen, haben wir dem Bürgermeister in der Bürgerversammlung gestellt. Unten folgen seine Antworten (basierend auf der Mitschrift der ULI bzw. als Gedächtnisprotokoll festgehalten).

Die ULI hat konkrete Vorstellungen zur aktiven Gestaltung und Stärkung einer vielfältigen Stadtgesellschaft

Wenn Sie ebenfalls der Meinung sind,

  • daß die Antworten von Bürgermeister und Verwaltung eher schwammig und wenig konkret sind,
  • daß sich kein Konzept und keine planerische Voraussicht einer aktiv gestaltbaren, zukunftsfähigen Entwicklungsstrategie abzeichnen,

dann hören Sie sich einmal die Ideen der ULI an und diskutieren Sie diese mit uns. Sie finden die ULI am Stand zwischen Rathaustreppe und Brunnen auf dem König-Adolf-Platz.

So sehen Bürgermeister und Verwaltung ihre aktive Gestaltung der Idsteiner Stadtgesellschaft:
Welche konzeptionellen und strategischen Maßnahmen werden aktuell geprüft, um ein breiteres und vielfältigeres Freizeitangebot mit ausreichender Attraktivität für Jugendliche in Schule und Berufsausbildung zu bieten?

Die Stadjugendpflege ist immer offen für Anregungen.
Ihre grundlegende Neukonzeption ist in Planung.
Auch die Aufsuchende Jugendarbeit wird ab 1. August 2018 wieder in Vollzeit besetzt sein.
Welche [...]Maßnahmen sind geplant, die speziell darauf ausgerichtet, gerade junge Menschen und auch nach Abschluß von Schule, Ausbildung oder Studium in der Stadt zu halten?

Idstein ist von der IHK als "Ausgezeichneter Wohnort für Fach- und Führungskräfte" beurteilt worden.
Zudem gibt es 14 Kitas, ein sehr gutes Schulangebot inkl. Förderschulen und die Hochschule Fresenius.
Wichtig ist, daß man ein gutes Wohnumfeld bietet. Die Stadt arbeitet gerade daran, einen neuen Flächennutzungsplan aufzustellen.
Welche Konzepte werden seitens der Stadt Idstein zur Förderung von Nachwuchs im Idsteiner Handwerk erstellt und / oder umgesetzt?

Ein Konzept gibt es nicht. Das ist aber von den Handwerkern so auch noch nie nachgefragt worden.
Als Stadt haben wir aber engen Kontakt zum Handwerkerstammtisch und zur Handwerkskammer.
Zudem bieten Verwaltung und Stadtwerke zig Praktikas [sic] an, jedes Jahr. Die werden auch immer gut angenommen.
Welche Maßnahmen ergreift die Stadt Idstein, um die Ansiedlung von Handel und Gewerbe, v.a. auch von Unternehmensneugründungen und StartUps, zu befördern?

Wer gründen will, kann sich über die EXINA Beratung und Unterstützung holen.

Anmerkung ULI: Die Exina GmbH hat mit Idstein nichts zu tun, sondern ist eine Förderinitiativ-GmbH der Stadt Wiesbaden, des Rheingau-Taunus-Kreises und der Exina e.V.
Auf welche konkreten Maßnahmen in der Umsetzung des Einzelhandelskonzeptes von der Theorie in die Praxis kann die Stadt bislang verweisen?

Das Einzelhandelskonzept hat Klarheit geschaffen, da es Möglichkeiten definiert.
Konkret wurde die Möblierung der Innenstadt verbessert, z.B. durch die Aufstellung von Mülleimern.


Welche weiteren Maßnahmen des Konzeptes werden kurzfristig angegangen, und zwar in welcher konkreten Form der Umsetzung?

Wir erwarten Lenkungswirkung für die Zukunft.
Welche konkreten Möglichkeiten sind geplant, um den Ortsteilen gegenüber belastbare Zeichen der Einbindung und Wertschätzung zu setzen, bei gleichzeitiger geringer Belastung der Stadtkasse (z.B. Wiederaufnahme des guten Usus, Weihnachtsbäume - oder entsprechende Einschlaggenehmigungen – zu stellen)?

Zunächst:
Sie meinen sicherlich "Stadtteile", nicht "Ortsteile": Wir sind doch alle in erster Linie Idsteiner und erst dann Heftricher oder Wörsdorfer.

Konkret zur Frage:
Für den Haushalt 2019 werden wir Möglichkeiten suchen, die Ortsvorsteher mehr einzubinden, natürlich mit entsprechender Wertschätzung.
Welche konkreten Maßnahmen enthält das mehrfach öffentlich erwähnte Konzept „Sicherheit & Ordnung“ der Stadt Idstein? Welche davon sind bereits in Umsetzung begriffen oder umgesetzt worden?

Das Konzept ist seit 2014 in der verwaltungsinternen Umsetzung. Ich [Bürgermeister Herfurth] haltes es für wichtig, daß wir das Sicherheitsgefühl stärken, auch wenn der Begriff des "Angstraums", den ich geprägt habe, vielleicht gar nicht tatsächlich vorhanden ist.
Desweiteren wurd er Mängelmelder eingerihtet, und wir haben Papierkörbe und Hundekotbeutelspender aufgestellt.
Und dann gibt es natürlich noch das Sicherheitskonzept für Veranstaltungen, auch wenn ich mir nicht hätte vorstellen können, daß wir mal Betonpoller aufstellen werden.


Welche weiteren [Maßnahmen] stehen noch vor der Umsetzung (Zeitschiene?)?

[hierzu gab es keine Antwort des Bürgermeisters]
Wie sieht die infrastrukturelle Planung der Stadt Idstein aus, um aktuell geplante Neubaugebiete wie den Bereich „Obere Seelbacher Straße“ oder „Wasserfall“ (wie auch darüber hinausgehende zukünftige Gebiete!) in eine langfristig funktionierende Gesamtstruktur aktiv einzubinden?

Wir werden die soziale Infrastruktur nachhaltig planen, vor allem vor dem Hintergrund des demografischen Wandels.

Chance auf zukunftsfähige Neuaufstellung der Familien- & Seniorenakademie vertan

Da wird die CDU von allen anderen Fraktionen in der Stadtverordnetenversammlung am 3. Mai 2018 dafür gescholten, dass sie mal wieder unsozial sei. Und dabei kann man durchaus auch berechtigterweise die – zugegeben ungewohnte – Perspektive einnehmen, dass es diesmal alle waren, die mangelndes Verständnis für angemessene Sozialpolitik zeigten.

Wie das?

Wer den Artikel zum Thema in der Idsteiner Zeitung vom 05. Mai 2018 zur besagten Debatte nicht gelesen hat, weiß womöglich gar nicht, was die Familien- und Seniorenakademie (FSA) ist, um die es dabei geht. Und wer den Kommentar hierzu am selben Tag in derselben Zeitung gelesen hat, mag einen falschen Eindruck bekommen.

Denn auch, wenn es so klang (und vielleicht sogar in der Quintessenz so gewesen wäre), es ging im CDU-Antrag, der den Stein des Anstoßes bildete, zunächst nicht um die Auflösung der FSA. Vielmehr war beantragt, den bestehenden Vertrag mit den Kooperationspartnern vhs Rheingau-Taunus und Hochschule Fresenius zwar fristgerecht zu kündigen. Damit wäre aber eine  Situation geschaffen, die eine Neuverhandlung der bisherigen Konditionen durchaus erlaubt hätte.

Die ULI begrüßt ausdrücklich den Vorstoß der CDU als solchen. Sie hat versucht, einen Anfang zu finden, um einzelne Positiones des sowieso schon stark belasteten öffentlichen Haushalts auf den Prüfstand zu stellen. Dies wird mit der nächsten Haushaltsaufstellung noch kritischer notwendig sein als schon in der Vergangenheit, da große Mehrbelastungen durch die jährlichen zusätzlichen Verpflichtungen im Rahmen der HESSENKASSE auf Idstein zukommen. Größenordnung: fast 600.000 EUR pro Jahr – für die nächsten knapp acht Jahre.

Da wird man viele liebgewonnene und auch wertvolle Einrichtungen neu denken müssen.

Genau dies jedoch hat die CDU mit ihrem zunächst begrüßenswerten Antrag nicht getan – sie hat die FSA nicht neu gedacht. Sie hat keine Möglichkeiten aufgezeigt, wie man die öffentliche Hand entlasten kann, ohne dabei die FSA als solche einzustellen und ohne v.a. die Hauptzielgruppe, nämlich wirtschaftlich schlechtergestellte und/oder bildungsferne Gesellschaftsgruppen, um das bislang komplett kostenfreie Bildungsangebot der FSA zu bringen.

Das ist bedauerlich, denn angemessene Niederschwelligkeit kann durchaus erhalten bleiben, ohne die Vollalimentierung der FSA beizubehalten.

„FSA neu denken“

  • belastbare Analyse Teilnehmerstrukturen
  • Potential- & Zielgruppenanalyse
  • Restrukturierte Programmgestaltung gemäß Analysedaten
  • Gebühren-Clustering (inkl. kostenfrei) nach definierten Parametern
  • Bildungs-Patenschaften
  • offensives „Vermarktungs“konzept
  • Nachverhandlung bestehender Vertrag
  • Prüfung alternativer Trägerschaft
  • Alternative Rechtsform

Daher hätte die ULI es für klüger und zielführender im Sinne aller angesehen, wenn parallel zum Antrag der CDU diese ein Szenario skizziert hätte, mit dem man mit der Unterstützung mehrerer oder sogar aller Fraktionen im Stadtparlament in Nachverhandlungen des bestehenden Vertrages hätte gehen können – ungeachtet der sehr selbstbewussten Drohgebärde des vhs-Vertreters während der entsprechenden Ausschusssitzung:

Anstelle des bislang debattierten „Ganz (kostenfrei) oder gar nicht“ wäre die CDU gut beraten gewesen, im Zuge ihres Antrages für eine differenzierte, auf nachprüfbaren Parametern aufbauende solidarische Alternativ-Konzeptionierung der FSA zu werben. Diese Chance für eine politische Mehrheit und, darauf fußend, eine solide aufgestellte Verhandlungsposition hat die CDU ohne Not vertan. Auch ist sicherlich denkbar, als „Plan B“ (bei Weigerung der bisherigen Kooperationspartner, veränderten Vertragsbedingungen zuzustimmen)  eine alternative Rechtsform der FSA zu schaffen, die voll unter der Kontrolle der Stadt läge.

Bündnis 90/Die Grünen haben in derselben Sitzung zu anderem Thema richtigerweise gesagt, die Stadt solle sich das Zepter des Handelns nicht immer wieder aus der Hand nehmen lassen. Bei einer Neuverhandlung der FSA-Kooperation gilt dies genauso – entsprechende Möglichkeiten der Handlungsfreiheit als Chance zu erkennen und zu nutzen, ist von allen Fraktionen nicht gesehen und nicht genutzt worden.

Einmal mehr bleibt der ULI nur anzumerken, dass eine echte Debattenkultur mit ernsthaft Lösungs-orientiertem Denken und kreativer Innovationskraft im Idsteiner Stadtparlament nicht vorkommt. Ein Antrag ist ein Antrag ist ein Antrag – und wird in seiner vorgeschlagenen Form abgelehnt oder angenommen; jedoch nur äußerst selten als Ausgangsbasis für ein gemeinschaftliches Ringen um die beste Lösung für die Idsteinerinnen und Idsteiner begriffen.

 

Win-Win-Potential „FSA neu denken“

Wenn die Stadt Idstein die Durchführung der o.g. analytischen und konzeptionellen Denkanstöße „FSA neu denken“ in Zusammenarbeit mit der Hochschule Fresenius durchführt, z.B. im Rahmen eines bei Fresenius zu bearbeitenden Forschungs-projektes, wird die Partnerschaftlichkeit mit dem FSA-Kooperationspartner gestärkt.

Dies wirkt sich förderlich auf die Solidarität im gemeinsamen Streben nach einem für Anbieter wie für die Kurs-Teilnehmer mittel- und langfristig tragfähigen gemeinschaftlichen Konzept aus.

So bleibt die FSA bis auf weiteres vollalimentiert – zum Wohle der ca. 2% Idsteinerinnen und Idsteiner, die von den FSA-Angeboten tatsächlich Gebrauch machen; und gleichzeitig zulasten der übrigen 98% aller Bürgerinnen und Bürger.

Qualitative Sozialpolitik unter durchdachter Anwendung des Solidarprinzips allerdings sieht anders aus.

Die Hessenkasse – magere und fette Jahre

Zum 1. Juli 2018 wird die sogenannte HESSENKASSE, das Entschuldungsprogramm für durch Kassenkredite überschuldete hessische Kommunen, an den Start gehen.

In der vergangenen Woche gab es hierzu im hessischen Landtag eine Anhörung, nach deren Ende die Landtagsfraktion der FDP sich öffentlich mit Grundsatzkritik an der HESSENKASSE zu Wort meldete. Die Kritik überrascht nicht als solche, da in der Tat einige Parameter der HESSENKASSE nicht optimal gelöst scheinen. Das ist zum jetzigen Zeitpunkt aber ebenso wohlfeile wie müßige Kritik der FDP, denn die HESSENKASSE wird in jedem Falle kommen. Und es ist weitgehend klar, in welcher Form.

Ebenso klar ist, dass Kommunen wie Idstein klare Vorteile von ihrer Beteiligung an der HESSENKASSE haben – dafür aber auch einen ziemlich satten Preis zahlen müssen. Während die ULI daher begrüßt, dass sich Idstein am 22. März 2018 für die Teilnahme an der HESSENKASSE ausgesprochen hat,  haben wir mit Befremden zur Kenntnis genommen, dass bislang niemand darüber nachzudenken scheint, wie die ca. EUR 590.000 erwirtschaftet werden können, die nach aktueller Prognose mehr als 7,5 Jahre lang jedes Jahr zusätzlich zu allen anderen Haushaltsbelastungen für den gewährten Schuldenschnitt fällig werden.

Wesentlich ist aus Sicht der ULI, dass die Verantwortlichen hier klar- und weitsichtig die Auswirkungen jeder möglichen Maßnahme analysieren – sonst droht ein langfristiger Standortnachteil für Idstein, verursacht durch von kurzfristigen Nöten getriebene Haushaltsplanung.

Vor allem die im HESSENKASSE-Zusammenhang aktuell noch umstrittene Gewerbesteuerumlage benennt eines der zentralen Themen zum Erhalt (oder sogar der Verbesserung) der Qualität Idsteins als Standort für Handel, Wirtschaft und Gewerbe:

Nachdem der Gewerbesteuerhebesatz zuletzt in 2017 angehoben wurde, darf Idstein auf keinen Fall ein weiteres Mal  die Gruppe der Gewerbetreibenden unverhältnismäßig stark (über Gewerbesteuer wie Grundsteuer B) belasten, um den kommunalen Haushalt trotz HESSENKASSE-Zahlungsverpflichtungen ausgeglichen zu halten. Dies ließe die Prinzipien von Sozialsolidarität und Gleichbehandlung außer Acht und trüge auf nachgerade gefährliche Art dazu bei, dass Idstein als Wirtschaftsstandort massiv an Attraktivität verlöre. In der Konsequenz wäre mit fehlendem Zuzug und verstärkter Abwanderung von Gewerbebetrieben zu rechnen, was dann nicht erhöhte, sondern verminderte Gewerbesteuereinnahmen generierte. Das wäre der typische Beginn einer Abwärtsspirale des partnerschaftlichen Verhältnisses zwischen einer Kommune und ihren Gewerbetreibenden und ist unbedingt zu vermeiden, um keinen langfristigen Standortschaden für Idstein zu schaffen.

Die Deutsche Industrie- und Handelskammer wird seit vielen Jahren nicht müde, eine Alternative zur Gewerbesteuer dringlich zu empfehlen, die diese ersetzen kann und dabei signifikanten Mehrwert schafft: Eine gewinnabhängige Kommunalsteuer mit eigenem Hebesatz verbände das Angenehme mit dem Nützlichen, schon weil sie von allen wirtschaftlich Tätigen in Idstein zu zahlen wäre, also z.B. auch von allen Angehörigen der klassischen Katalogberufe wie Ärzten, Anwälten, Architekten, Steuerberatern  und Apothekern, die zur heute gültigen Gewerbesteuer nicht beitragen.

Damit wäre die Steuerlast  nicht nur gleichmäßiger, sondern auch breiter verteilt, was das Solidaritätsprinzip zwischen den verschiedenen Gruppen wirtschaftlich Tätiger stärkt und gleichzeitig nicht nur absolut höhere Realsteuerbeträge in die Stadtkasse spült; sondern zudem weniger starke jährliche Schwankungen zeigen wird als die heutige Gewerbesteuer mit ihrem komplexen Berechnungsregelwerk. Damit wäre ein ganz wichtiger Grundstein für eine wirklich verlässliche Prognostizierung im jeweiligen Haushaltsplan gelegt.

Unternehmen leisten einen großen Beitrag zur Stärke der Wirtschaftsregion Hessen. Der Anteil der von den Unternehmen entrichteten Gewerbesteuer (Istaufkommen) am gesamten Realsteueraufkommen der hessischen Kommunen lag im Jahr 2016 bei 82 Prozent. Hinzu kommt der Beitrag der Unternehmen zum Aufkommen der Grundsteuer B.

Selbstverständlich wird allerdings auch solche eine gewinnabhängige Realsteuer alleine nicht ausreichend sein, um die zusätzlichen Einkünfte zu erwirtschaften, die Idstein für die Finanzierung der HESSENKASSE jährlich aufbringen muss.  Ergänzende Maßnahmen, die die Last auf die verschiedenen sozialen und wirtschaftlichen Gruppen der Stadtgesellschaft breit und nach jeweiligem Wirtschaftsvermögen paritätisch verteilt, werden notwendig sein. So wird man sicherlich auch über wenig populäre Entscheidungen sehr ernsthaft nachdenken müssen.

Um eine entsprechend breite Akzeptanz bei den Bürgerinnen und Bürgern zu bewirken, ist daher dringlich geboten, dass Politik und Verwaltung gemeinsam und mit einer Stimme klar und ohne Beschönigungen über die vor uns allen liegende Aufgabe sprechen. Öffentlichkeitsarbeit und Bürgerbeteiligung sind die Schlüssel für die Schaffung der in den kommenden sieben bis acht Jahren unabdingbar notwendigen Solidarität der gesamten Stadtgesellschaft. Darüber hinaus birgt die aktive Einbindung von sachkundigen Idsteinerinnen und Idsteinern die Chance für neue haushälterisch nutzbare Impulse.

Denn eines ist klar: Die neuartige Problemstellung durch die HESSENKASSE wird sich sicherlich nicht mit den alten Methoden wie Anhebung der Gebühren und Abgaben angemessen und zukunftsfähig adressieren lassen.

Stattdessen braucht Idstein jetzt den politischen Willen, gemeinsam mit allen sozialen Gruppen einen Weg zu finden, der die HESSENKASSE-Finanzierung über die bevorstehenden fast sprichwörtlichen sieben mageren Jahre ermöglicht.

Hierfür ist aktives Werben für die Akzeptanz auch vordergründig unpopulärer Maßnahmen notwendig, Hand in Hand mit sinnhaften innovativen Neuerungen beim Realsteuerinstrumentarium und bei der Haushaltsstrukturierung, auch auf der Ausgabenseite.

Wenn wir alle über politische und gesellschaftliche Grenzen hinweg zusammenarbeiten, als Idsteinerinnen und Idsteiner, die gerne in unserer Stadt leben und dafür auch temporäre Einschränkungen in Kauf zu nehmen bereit sind, dann wird die HESSENKASSE ihr Ziel in Idstein erreichen und neue städtische Handlungsspielräume für die Zukunft schaffen, ohne den Wohn- und Wirtschaftsstandort Idstein zu schwächen.

Auf ein Wort… Frau Sachse-Domschke und Herr Pfarrer Eisele (Teil 2)

ULI: Wenn wir über „demografischen Wandel“ nachdenken, meinen wir oft „mehr ältere und alte Mitbürger“, vergessen dabei aber womöglich die jungen Menschen und auch die „neuen“ Bürgerinnen und Bürger, also diejenigen, die zu unserer Gemeinde oder unserem Dorf neu hinzugestoßen, aber womöglich noch nicht so recht im Gemeinwesen angekommen sind.

Wie wird Quartier 4 den Teilhabe-Gedanken so zünden lassen, daß generationenübergreifend und bei Neu- wie bei Altbürgern selbstverständlich wird, daß unser Gemeinwesen besser funktioniert, wenn jede/r von uns etwas zu geben bereit ist, aber umgekehrt auch etwas nehmen darf?

Pfarrer Eisele: Ich glaube, eine Idee, deren Zeit gekommen ist, erreicht ganz von selbst Menschen, die sich begeistern lassen und verstehen, um was es hier geht.

Dass man bei diesem Thema es auch oft mit Leuten zu tun hat, für die „alles in Ordnung“ ist, wie es ist, gehört dazu. Die Perspektiven sind halt doch sehr verschieden.

Aber wer am eigenen Leben spürt, dass sich was drehen muss, der wird froh und dankbar sein, dass es die Chance gibt, sich für eine sehr wichtige Sache einzusetzen, deren Früchte man vielleicht erst in ein paar Jahren so richtig ernten kann.

Sachse-Domschke: (lacht) Puh, allein wenn ich die Frage höre, tritt mir schon der Schweiß auf die Stirn, bei den unterschiedlichen, zum Teil konkurrierenden Aspekten, die darin stecken. In der Tat habe  ich schon ab und an gedacht: „Was für ein dickes Brett haben wir uns da vorgenommen?! Zu groß für uns?!“

Für uns drei, die wir Quartier 4 letztes Jahr starteten, vielleicht zu groß…

Aber mittlerweile tragen schon 12 Menschen viele Stunden im Monat, und überwiegend ehrenamtlich!, zum Gelingen des Projekts bei, und rund 50 weitere Menschen arbeiten, diskutieren und suchen gemeinsam nach Lösungen für unsere Fragestellung.

Wie konnte das zünden? Durch viel eigene Überzeugung für die Sache und Spaß daran! Mit Mut und auch etwas Übermut! (lacht) Und indem wir darüber reden, es weitertragen und Menschen spüren lassen, dass hier eine Gemeinschaft wächst, von der jeder die Früchte ernte kann: Menschen jeden Alters, Alt- und Neubürger, Familien, Alleinstehende, ….

ULI: Frau Sachse-Domschke, Herr Pfarrer Eisele, Sie sind so etwas wie die geistigen Eltern von Quartier 4; und als Elternteil entwickelt man Vorstellungen und Wünsche für die „Kinder“.

Wenn Sie in ein paar Jahren auf das dann Erreichte schauen, über was freuen Sie sich am meisten? Und welche Aspekte könnten für das Gelingen besonders wichtig gewesen sein?

Pfarrer Eisele: Ich finde, dass es schon eine Riesensache ist, dass Menschen angefangen haben, darüber zu sprechen, wie sie sich ihr Zusammenleben vorstellen – als Eltern, als Ruheständler, als Menschen, die wissen, dass eine Zeit kommt, in der sie auf die Unterstützung anderer angewiesen sind. Die falsche Ideologie, dass alle am glücklichsten sind, wenn nur jeder für sich alleine sorgt, kommt an ihr Ende.

Die Herausforderung besteht darin, ausreichend langen Atem zu haben und sich auch durch kleinere Rückschläge oder Durststrecken nicht entmutigen zu lassen.

Quartier 4 ist immer noch ein bisschen Aventgarde  – aber so beginnt Veränderung immer. Im Kleinen, zaghaft, aber mit Vision und Leidenschaft. Um es im Bild zu sagen: Bevor eine Blume blühen kann, braucht sie Wurzeln, die über längere Zeit ganz unbemerkt wachsen. Ich glaube, unsere Initiative wird bunt und vielfältig wie eine Blumenwiese werden. Und das Beste daran: Vieles wird passieren, ohne dass es ursächlich mit Quartier 4 in Verbindung gebracht wird. Einfach, weil Leute den Punkt verstanden haben und an den Orten und Stellen, wo sie leben oder Verantwortung haben, selbst aktiv werden.

Ich träume von einer inklusiven Geselllschaft, in der Menschen auf Menschen achten und jeder seinen Platz findet, da wo das „normale“ Leben stattfindet, egal ob jung oder alt, mit oder ohne gesundheitliche Einschränkungen, dement oder nicht und so weiter.

Sachse-Domschke: Es wäre eine Freude für mich, wenn Strukturen, die heute von den Dorfgemeinschaften als fehlend, aber wichtig für ihre Zukunft als Generationengemeinschaft erkannt werden, mit Hilfe von Quartier 4 umgesetzt wurden oder zumindest auf dem Weg dahin sind.

Vorstellbar sind für mich z.B. ein durch die Dorfgemeinschaft betriebenes Cafe in Bermbach, für die Orte Kröftel, Niederrod und Oberrod ein gut funktionierender bürgerschaftlich organisierter Fahrdienst und für Heftrich vielleicht ein innovatives Wohnprojekt.

Egal was es wird, die Dorfbewohner sollten sich mit ihrem Projekt identifizieren und über das Projekt eine Stärkung ihrer Gemeinschaft erfahren.

Die ULI bedankt sehr herzlich bei Frau Sachse-Domschke und Herrn Pfarrer Eisele für das offene Gespräch und wünscht beiden auf ihrem weiteren Weg alles Gute und viel Erfolg.

Auf ein Wort… Frau Sachse-Domschke und Herr Pfarrer Eisele (Teil 1)

Identifikation mit dem eigenen Quartier, dem Straßenzug oder dem Dorf, in dem man wohnt, beginnt damit, die reine Konsumentenhaltung aufzugeben und an ihre Stelle ein aktives „Ja“ zu eigener Teilhabe zu setzen – diese Überzeugung zur Gestaltung von Dorf- und Quartierszukunft treibt nicht nur die ULI an, sondern auch unsere heutigen Gesprächspartner mit kirchlichem Hintergrund, Karla Sachse-Domschke und Pfarrer Markus Eisele, die Initiatoren von Quartier 4.

ULI: Quartier 4 hat sich auf die Fahnen geschrieben, gerade im dörflichen Raum die Herausforderungen und Aufgaben, vor die die demografische Entwicklung uns alle stellt, aktiv zu adressieren. So will Quartier 4 eine trag- und zukunftsfähige Basis für ein möglichst gutes Lebensumfeld für möglichst viele schaffen und sein.

Frau Sachse-Domschke, Herr Pfarrer Eisele, was macht ein solches gutes Lebensumfeld für Sie aus und welche Eckpfeiler kann Quartier 4 dabei errichten oder stärken helfen?

Sachse-Domschke: Der ländliche Lebensraum, in dem ich groß geworden bin, hat mich geprägt. Als mein Weg mich beruflich nach Frankfurt führte, habe ich viele positive Erfahrungen dorthin mitgenommen. Und das Stadtleben mit seinem großen Angebot an Kultur, Sport und anderen Freizeitaktivitäten begeisterten mich.

Doch was fehlte, war den Kontakt zu Menschen in meinem direkten Wohnumfeld. Weil ich es aber schätze, meine Nachbarn zu kennen, mich mit ihnen auszutauschen und zu erleben, wie man sich gegenseitig nachbarschaftlich ‚unter die Arme zu greift‘, zog es meine kleinen Familie nach der Geburt unseres ersten Kindes zurück auf’s Dorf.

Hier, in Wörsdorf, sind meine Dorf-Nachbarn ein wichtiger Teil meines sozialen Netzes, auch wenn sie nicht direkt nebenan wohnen. Über Kindergarten, Schule, Kirche, Musik- und Turnverein komme ich mit Menschen aller Altersgruppen in Kontakt und erlebe im gemeinsamen Engagement unsere Dorfgemeinschaft. Zusammen mit der dörflichen Nähe zur Natur macht das das gute Lebensumfeld aus, das ich für Menschen jeden Alters erhalten möchte!

Pfarrer Eisele: Nachbarschaft ist ein gutes Stichwort. In einer Zeit, in der wir immer weniger Nachbarn zu brauchen scheinen, weil „man“ in bestimmten Lebensphasen autark ohne nachbarschaftliche Unterstützung leben kann, ist es wichtig, die besondere Qualität von guter Nachbarschaft in Erinnerung zu rufen. Heute können wir online einkaufen, sind mobil, arbeiten nicht mehr vor Ort, haben unsere Freunde andernorts und verbringen unsere Freizeit individuell. Was bleibt da noch an Bedürfnissen, die im Dorf oder im Quartier erfüllt werden müssten? Gerade für die, die nicht aus dem Ort sind, erschließt sich das immer weniger.

Die Megatrends unserer Zeit führen zu Segregation und in letzter Konsequenz zu Vereinzelung. Gerade in diesen Tagen hat der Präsident der Diakonie Deutschland ein gesellschaftliches Bündnis aus Politik und gesellschaftlichen Gruppen, wie Kirchen, Wohlfahrtsverbänden, Sportvereinen und kulturellen Einrichtungen zur Bekämpfung der Einsamkeit angeregt. Der SPD-Politiker Lauterbach sagt dazu: „Die Einsamkeit in der Lebensphase über 60 erhöht die Sterblichkeit so sehr wie starkes Rauchen.“

Dass das Miteinander der Generationen und das freundschaftliche Zusammen- leben Freude bereitet und Spaß macht, erleben ja viele in unseren Dörfern. Ohne aktiven Einsatz droht diese ganz natürliche Art der Begegnung zu erodieren.

Dieser Erosion will Quartier 4 entgegenwirken.

Pfarrer Markus Eisele

Essentiell ist für mich eine Verbesserung der Kommunikation und die Vernetzung untereinander.

Es gibt schon viele gute Ideen und Projekte, bei denen Menschen sich für andere, für ein Gemeinwohl, einsetzen oder einsetzen wollen. Wenn sie sich aber als ‚Einzelkämpfer‘ wahrnehmen müssen und nicht die besten Erfolgs- chancen sehen, führt das zu Frustration und „Ach, ich kann sowieso nichts bewirken“-Pessimismus.

Karla Sachse-Domschke

ULI: Auch die ULI hat sich ja Bürgerengagement und Teilhabe auf die Fahnen geschrieben, wenn auch im kommunalpolitischen Kontext. Wobei „Politik“ zunächst einmal von „polis“, also dem „Gemeinwesen“ herzuleiten ist. Damit sind der soziopolitische Ansatz der ULI und die kirchengemeindliche Keimzelle, aus der Quartier 4 geboren wurde, zwar unterschiedlichen Ursprungs, aber sehr ähnlicher Zielsetzung.

Welche allgemeinen oder auch konkreten Möglichkeiten sehen und verfolgen Sie, um gemeinsam mit anderen Gruppierungen die Bürgerbeteiligung und Partizipation im Sinne eines guten Gemeinwesens voranzubringen?

Sachse-Domschke: Quartier 4 bietet eine wahrnehmbare Plattform, Räume und Zeit für jeden, sich mit Gleichgesinnten, die ihr Lebensumfeld gestalten wollen, zusammenzutun.

Konkret sieht das so aus, dass ich selbst und alle anderen Quartier 4-Teamer das persönlichen Gespräch mit Menschen vor Ort, bestehenden Institutionen, kommunalpolitischen Entscheidungsträgern, Vereinen etc. suchen. Wir werben für ein gemeinschaftliches Angehen unserer großen Zukunftsthemen zur Erhaltung des Dorfes als lebenswertes Zuhause für alle Generationen und machen Mut für gemeinsame Aktionen.

Über erste Erfolge können wir alle uns bereits freuen:
Seit Anfang des Jahres gibt es zu vier Kernthemen, die wir mit allen Interessierten als zentrale Herausforderungen für unsere Dörfer erkannt haben, Arbeitsgruppen aus jeweils rund 10 Personen, die sich über alle Konfessions-, Partei-, Vereins- und Altersgrenzen hinweg regelmäßig treffen und miteinander konkrete Maßnahmen erarbeiten.

Es ist unglaublich motivierend, das zu sehen, und ich bin überzeugt, dass dies ein gutes und tragfähiges Konzept für Teilhabe und Partizipation ist.

Menschen übernehmen Verantwortung für das Leben vor Ort, ohne darauf zu warten, ob die Politik oder andere Verantwortliche den Startschuss geben.

Das ist eine echte Chance!

Pfarrer Markus Eisele

Pfarrer Eisele: Ich glaube, wir haben in den vergangenen Jahren immer mehr Verantwortung für unser Gemeinwesen delegiert – an den Staat, die Kommune oder soziale Dienste. Damit korrespondiert ein Niveau des selbstbestimmten Lebens, wie es noch vor Generationen undenkbar gewesen wäre.

Jetzt wollen wir wieder umdenken – das ist eine deutschlandweite Bewegung:

Menschen übernehmen Verantwortung für das Leben vor Ort, entwickeln neu eine Sensibilität für ihre Nachbarschaft und werden selbst aktiv – ohne darauf zu warten, ob die Politik oder andere Verantwortliche den Startschuss geben.

Eine echte Chance, vor allem auch für die Generation 60plus. Noch nie zuvor gab es eine dermaßen gut ausgebildete, berufliche erfahrene Generation an Menschen im Ruhestand, die noch etwas tun wollen und es auch können.